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Zimmer mit Blick auf drei Möglichkeiten

Für jeden kommt einmal der Tag, an dem er aus einem tiefen Schlaf erwacht und sich von drei Mauern umgeben wiederfindet, die zusammen ein Zimmer bilden, das ihn scheinbar umschließt und doch allen Witterungseinflüssen preisgibt. In diesem Zimmer herrscht Totenstille und jeder Schritt wird zu einer Gradwanderung, bei der man sich allen möglichen und unmöglichen Gefahren aussetzen kann, wenn man sich nicht nach den Regeln des Schachs verteidigt und dabei die Sonne nicht aus den Augen läßt. Doch jede Regel hat ihre Ausnahme. Auch bewegt sich die Sonne sehr schnell und es bereitet Schwierigkeiten, ihr mit den Augen zu folgen, denn ihre Bahn ist bestimmt vom Flug eines Nachtfalters um eine Gaslaterne. Diese Gaslaterne überragt die Mauer um ein Vielfaches, so daß sie von drei Stoffbändern gehalten werden muß. Eines der Bänder zeigt aber schon deutliche Risse, denn die Last die es trägt, zerreißt jeden Nerv.
Diese Laterne beleuchtet das Zimmer so, daß der Schatten nach innen fällt und der Raum von einer zähen und klebrigen Dunkelheit erfüllt ist, die in jede Pore dringt und beim Zusammentreffen mit Melancholie den Körper von innen erstrahlen läßt. Dieses Strahlen reicht gerade aus, um den Weg der Zeiger auf dem Zifferblatt zu beleuchten.
Die Wände der Zimmer sind mit kleinen Bildern behängt, die verschiedene Phasen einer Metamorphose zeigen. Auf dem ersten Bild ist ein Stück einer Depression in lebhaften schwarzweiß Tönen zu sehen. Das Zweite zeigt einen kleinen weißen Zahn, der in einer Handfläche liegt und mit neugierigen Augen betrachtet wird. Das Nächste zeigt eine Schneelandschaft auf einer Couch mit kleinen Augenblicken aus versteinerter Sehnsucht, die zusammen einen Weg bilden, der in die Ferne führt und das Ziel nur bei genauer Betrachtung preisgibt. Dies ist jedoch bei den schlechten Beleuchtungsverhältnissen nicht möglich. Das nächste Bild zeigt einen Richter mit einem kleinen Holzhammer, der gerade einen Angeklagten zu fünfzehn Monaten Bedenkzeit ohne Bewährung verurteilt. Eine Straßenkreuzung, auf der sich zwei Wanderer nach angestrengtem Fußmarsch treffen, ist auf dem nächsten Bild zu sehen. Doch ein Zusammenstoß ist nicht zu vermeiden, denn sie gehen genau aufeinander zu. Die weiteren Bilder liegen im Dämmerlicht und zeigen nur undeutliche Konturen, die sich nach Wunsch und Laune verändern.
So umkreist die Sonne das Zimmer und hinterläßt eine helle Spur, die den unschlüssigen Wanderer zum Ziel aller Bestrebungen leitet und ihm nach langer Reise eine kleine Ruhepause bringt.

 



21.06.1982 - N. Burger


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