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Gasthausgespräche I

„Das, was ich an einer Frau bewundere, ist nicht die Falschheit ihrer angeklebten Wimpern, das täuschende Rot ihrer Lippen oder das Aufgefärbte ihrer Lider, son­dern ihre Fähigkeit, gefühlsmäßig zu le­ben.“ sagte er. Ich schaute ihn mir näher an und war fasziniert von seinem grauen, zerfurchten Gesicht. Wir saßen in einer kleinen Kneipe nahe des kleinen Sees, im übrigen ein beliebtes Ziel für Ausflüg­1er aus der Stadt, die hier Erholung für ihre vom Stadtgestank zerfressenen Lun­gen suchten. Heute jedoch war das Lokal leer.

„Und“, fragte ich, „haben sie sie gefun­den?“ Müde hob er seinen Blick und sah durch mich hindurch. Dann fing er an zu lachen, beugte sich vor und hieb mit der Hand auf den Tisch, so daß der Wirt, glä­serputzend, mißtrauisch herüberschielte, und sagte: „Gefunden?“ Er saß ganz starr und glotzte mich mit seinen etwas hervorstehenden Augen an; schließlich stand er auf und, schon im Weggehen, wandte er sich leicht um und sagte lässig: „Ich suchte sie nicht, denn wo soll ich sie finden in einer Welt, die Fassaden wünscht?“ dann, noch schnell eine Münze als Bezahlung hinwerfend, ging er auf die stille Dorfstraße hinaus.

 

 


 

M. Trapp


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