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Gasthausgespräche II

Stumm saß ich in der stillen Ecke und betrachtete die Fliegen, die schläfrig summend um die düstere Lampe schwirrten. Ich erschrak, als ein grobschlächtiger Mensch sich ungefragt mir gegenüber setz­te und mit gröhlender Stimme Bier verlangte. Sein trüber Blick fand meinen und verletzt über diesen Versuch wandte ich mich ab, starr auf den Fußboden schauend, der die Spuren unzähliger Füße trug. „Oh Boden!“ sprach ich, „wie viele Stiefel sind schon auf dich getreten! Bestimmt kannst du sie alle noch unterscheiden: Das helle leichtgewichtige Klappern hochhackiger Frauenschuhe,  die dich scheinbar kaum und nur flüchtig berühren, aber tiefere Wunden reißen, als das schwerfällige Dröhnen grober Arbeiterstiefel.“ Da rülpste mein Gegenüber und erschrocken hob ich den Blick, sah in das Gesicht des Anderen, sah seine aufgerissenen Augen, den weit klaffenden Mund mit den gelben Zähnen, den schwarzen Lücken und der hellroten Zunge, die wild ufernd an die Zahngrenzen stieß, und schwieg. Ein glucksendes Lachen entstieg dem breiten Körper, wie­derholte sich, dabei immer stärker werdend und endlich bog sich der ganze Mensch, dröhnend, brüllend und mit den kräftigen Händen auf die Oberschenkel schlagend.

Bestürzt erhob ich mich halb und blickte böse. Allein das abrupt aufhörende Gelächter hielt mich zurück und besänftigt ließ ich mich wieder nieder, worauf er sich stammelnd entschuldigte, meine Hand ergriff und sie willig um das Bierglas drückte. Ich lächelte und blickte in sein Gesicht. Mir war, als blickte ich in einen zerschlagenen Spiegel und mitten in die trüben Scherben fragte ich ihn, was er treibe und was er hier tue. „Ach!“ antwortete er, und ließ den Blick auf den Tisch sinken, dicht neben eine vertrocknete Bierlache, „ich bin verstoßen. Meine Frau schlug die Türe zu und ging traurig. Leidensgefährten suchte ich und fand nur Liebende, die achtlos mich zurückdrängten und lieber den Tiger betrachteten, der kraftstrotzend und fauchend seine Beute verschlingt, als das arme Opfer, in dessen blutenden Körper das starke Gebiß des Tieres sich schlägt.“ „Hören sie!“ protestierte ich schwach, aber er fuhr ohne mich zu beachten fort: „Ich bitte sie, wo finden sich noch Menschen, die in ihrem Unglück glücklich sind? Ich bin, so scheint es, der letzte dieser Art und der Schwache ist am ohnmächtigsten allein.“ Ich beugte mich gespannt vor und antwortete: „Gehen sie, gehen sie schnell! Ich bin auch ein Liebender und - sie werden vielleicht staunen - auch ich hasse sie, gehen sie also schnell, bevor ich es tue und Platz mache für andere, die sie hassen!“

Schleppend, ohne mich anzuschauen, erhob er sich linkisch und ging zur Tür, meine Blicke folgten ihm und erst als das mondene Licht seinen Schädel beschien und ihn mir zum letzten Mal sichtbar machte, seufzte ich erleichtert und lehnte den Kopf an die Wand, während, mir Lügner zum Hohn, die heißen Tränen in den Kragen tropften.

 

 


 

M. Trapp


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