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Gasthausgespräche III

Die schummrige Kneipe sog mich ein, und fast gegen meinen Willen stieß ich die schiefe Tür, die scheppernd an die Wand schlug, auf und trat zögernd ein. Irritiert blieb ich stehen, verwirrt durch den Lärm, den Gestank und den Rauch, der auf mich eindrang, mich als Nichts betrachtend. Ich erschrak, als eine kräftige Hand mei­nen Unterarm ergriff und mich unsanft auf einen freien Stuhl zog. Ich murmelte einen Gruß, doch mein Gegenüber lachte nur gellend. Seine tiefliegenden Augen in dem stark geröteten Gesicht mit den hängenden Tränensäcken und den schwabbelnden Wangen musterten mich belustigt.

„Hör' zu, mein Junge!“ gröhlte er mit unangenehmer, heiserer Stim­me, „du bist noch jung und unerfahren! Wenn du willst, höre auf die Ratschläge eines alten wissenden Mannes, der viel gesehen hat und manches besser nicht gesehen hätte.“ Ich schwieg betroffen und rutschte unbehaglich hin und her. Mein Nachbar blickte trübe auf den  Holztisch  und  fuhr  fort:  „Die Welt  ist  schlecht,  sehr schlecht. Schau dir die Mädchen an: nicht nur, daß sie dir dein Geld abnehmen, nein, sie belügen dich auch. Sie bestehlen, hinter­gehen und betrügen dich noch zusätzlich. Das Zwinkern deiner Au­gen, die nervöse Verschlagenheit deiner Finger und die steilen Falten um deinen Mund verraten dich als Liebenden. Doch ich geb' dir einen Rat: Wirf sie fort, deine Liebe, wirf sie in den Mülleimer und schütte Asche darauf, damit sie unten bleibt!“ Ich hob vorsichtig den Kopf und öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch bevor ich ein einziges Wort sagen konnte, sprang der Mann auf und schrie, schrie so fürchterlich, daß ich entsetzt zurückfuhr. Ein Wolf! schrie ich innerlich, er hat das Gebiß eines Wolfes! und ich riß mich los vom Stuhl, flüchtete in tierischer Panik zur Tür, stieß mit dem Kopf an die verschmutzte Glasscheibe, fand in der Erregung den Türgriff nicht sofort und stürzte, immerfort von dem gelben, zuschnappenden Gebiß verfolgt, aufatmend auf die nächtli­che Straße.

 

 


 

M. Trapp


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