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Gasthausgespräche IV

„Ja,“ sagte er, „ich habe sie geliebt.“ Ich hatte Mühe, ihn durch den dichten Rauch hindurch zu erkennen und sprach in den formlosen Schatten hinein: „Und nun?“ Gierig zog er an seiner Zigarette und stieß den Rauch weit von sich, schräg nach oben; dann griff er das Bierglas und stöhnte leise auf. „Warum quälen sie mich?“ ächzte er und blickte mich wild an. Genüßlich schaute ich in unsere Umge­bung, beobachtete den schläfrig hinter seinem Tresen stehenden Wirt, die bierdunstseligen alten Männer am Stammtisch, die, an vergangene Zeiten denkend, starr auf die zerkerbte Oberfläche des Tisches blickten, betrachtete die ältliche Bedienung, die mit freizügigem Ausschnitt hoffte, irgendwelche Männersehnsüchte zu wecken und doch nur Mitleid erntete und wandte mich wieder meinem Tischnachbarn zu, der gespannt nach vorne geneigt, mich anstarrte. Ich wedelte den Rauch beiseite, um ihn besser sehen zu können und legte mit aller Anstrengung meinen Haß in die Stimme, als ich sagte: „Ich habe noch nie geliebt! Liebe ist ein häßliches Wort für den, der sie nicht kennt. Lieber hasse ich einmal verzweifelt, als daß ich einmal umsonst liebe.“ Stöhnend fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, verteilte den klebrigen Schmutz auf seinem grobporigen Gesicht und barg schließlich den Kopf in den zittern­den Handflächen. Die brennende Zigarette entfiel seinen Fingern und rollte über den Tisch. Ich lehnte mich entspannt zurück, be­trachtete ihn gnadenlos, winkte die Bedienung her, verlangte die Rechnung, gab reichlich Trinkgeld und erhob mich. An ihm vorbeige­hend, warf ich finstere Blicke auf seinen blonden Haarschopf und lachte verächtlich, während meine Hand sich fest auf die Türklinke lehnte. Den stummen Mond als Begleiter willkommen heißend, warf ich einen letzten Blick auf seine Gestalt, die in immer noch fort­währender Verkrampfung dasaß und schloß die Tür behutsam, um die grausame Stille des Sarkophags nicht zu stören.

 

 


 

M. Trapp


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