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Gedanken

Durch die Tür sieht man nichts.

Auch sind die großen Augen nicht umsonst so weiß, denn sie haben mehr Ruhe als ihr abweisender Blick, der sich durch die Stille der hohen Fassaden der kleinen, aber doch geräumigen Hütten ausweitet.

Nichts von dem ist zu sehen, was sich nur in Gedanken sagen läßt. Doch auch dafür gibt es Patentrezepte. Alle Wege führen nach Rom, doch das Rom der Bestrebungen ist der Untergang.

Noch niemals wurde ein so großer und auch so wichtiger Tag wie der, an dem nichts passiert, außer der sonst wohl nötigen Dinge, so unverständig und lieblos durch Reglosigkeit abgelöst.

Die Menschen wissen was sie nicht wissen, und danach wird auch ge­handelt. So kommt es auch, daß sich nur das verwirklicht, was letzten Endes bei jedem angestrengten Betrachten zum Vorschein kommt. Die Nebel sind heute ziemlich hoch. Doch auch die Steuer­männer, die das Ruder in der Hand halten und glauben, fest im Sattel zu sitzen, werden durch beständiges Schütteln doch von ihrer Position gedrängt.

Der Schwimmunterricht endet heute schon ziemlich früh, doch wer weiß, vielleicht wurde auch die Gebühr nicht entrichtet. Bei sol­chen Unternehmungen wird auf Vorauszahlung gedrängt. Die Lektion der letzten Stunde bestand darin, zu ertrinken. Sobald man sich ins Wasser begibt,  entdeckt man, daß niemand bereit ist, den Unterricht zu leiten, denn der Ertrinkende könnte sich ja an den Lehrer klammern und dies ist keinem Lehrer recht.

Auch sind Schwimmlehrer nie, oder wenigstens selten allein. Denn auch sie brauchen einen Halt. Dieser Halt besteht aus einer Art Anker, der an einer Kette hängt und die Lehrkraft festhält. Doch ein Schiff wurde nicht gebaut um im Hafen zu ruhen und sich vom Anker fesseln zu lassen, sondern um bei Eintreffen der Flut die Kette zu durchtrennen und den Unterricht fortzusetzen.

Die Gefahren sind groß, die einen ungeübten Nichtschwimmer in der Tiefe erwarten. Allzu leicht läßt er sich von dem Verborgenen anlocken und setzt sich dabei der Gefahr aus, wie ein Hausierer am Eingang abgewehrt, und an den Nachbarn verwiesen zu werden.

Der grobe Kies knirscht unter den Füßen, denn jeder Schritt übt einen Druck aus, auf den man gefaßt sein muß. Doch muß man die Beine bewegen, will man sein Ziel erreichen. Noch immer verdunkelt die Sonne die Welt, die sie erhellt. Geblendet vom Licht schließt man die Augen und sieht dabei die großen Fallen nicht, in die man hineinfällt, ohne es zu merken.

 

Zwei Menschen, die sich durch Arbeit begegnen, stahlumschlossen Stille verbreiten, weil keiner den Mut hat laut zu denken, und weil sie immer noch alten Konventionen frönen, die sie umfangen und fesseln, leben parallel wie Eisenbahnschienen - also aneinan­der vorbei - und der zurückgehaltene Gedanke, den man nicht zu denken wagt, weil er gegen Ideale verstößt - hauptsächlich den eigenen - gräbt sich tief in der Psyche fest. Doch trifft es nicht immer beide gleich. Ein Nichtschwimmer, der einen Lehrer sucht und dabei doch nur bis zu den Knöcheln im Wasser steht, weil ihm eine Mauer den Weg versperrt - keine sichtbare Mauer, denn sie besteht ja nur in der Phantasie - tastet sich im Dunkel langsam voran, weil ihm sein schwindendes Augenlicht Wunsch und Realität gemischt vorgaukelt.  Beides jedoch immer so, daß ein Auseinanderhalten selbst bei grellstem Licht nur nach einem Blick hinter die Kulisse möglich wäre.

Diese beiden Menschen leben wie zu Noahs Zeiten, denn sie treffen sich hin und wieder in der Arche, und jeder Schritt ist fast nutz­los, denn er führt nicht von der Stelle. Doch auch damals war dies ein Anfang.

 

Die Woche hat dreieinhalb Tage und nur durch Willenskraft bleibt das Wetter schön. Aber auch an schönen Tagen ziehen ab und zu ein paar Wolken am Himmel vorbei. Dies stört aber nur, wenn sie sich zu einem Gewitter verdichten und langes Warten das Gemüt tief­schwarz einfärbt.

Jeder Tag hat seine lichten Momente, und so zieht der Strom der unendlichen Gedanken, die bohrend, drängend, quälend, beängsti­gend, erheiternd, fröhlich, lachend, glückbringend, strahlend und königlich sind, am Auge vorbei, ist manchmal zum Greifen nahe und dann wieder so fern wie das Ufer für den Schiffbrüchigen, dem an ein Holzstück geklammert, der Gedanke an den Schwimmunterricht kommt, und alles zusammen ergibt ein Bauwerk grenzenloser, aber vielleicht doch endender Einsamkeit.

Jeder geht seinen Weg, der ihm als der Richtige erscheint, und doch ist die Zufriedenheit so unterschiedlich verteilt, daß die Waage, auf der alles gewogen wird, unparteiisch und doch einseitig urteilend nach einer Seite hin ausschlägt und unter der Last aufstöhnt.

 

Kürzlich war ich an einem eisigen Wintertag unterwegs, um das große Ziel zu suchen. Als die Dämmerung hereinbrach und die Tem­peratur immer weiter sank, erreichte ich eine kleine Ortschaft mit tief verschneiten Hütten,  aus denen die Wärme und Geborgenheit durch die Fenster strahlte. Da mir meine Finger schmerzten und ich die Füße nicht mehr spürte, entschloß ich mich, bei einer der Hüt­ten, die mir als die freundlichste und schönste entgegenstrahlte, und deren Eingangstür mit einem großen M verziert war, Einlaß zu erbitten. Nach langem Zögern faßte ich mir Mut und klopfte vor­sichtig, aber doch hörbar an. Nach einer Weile wurde auch geöff­net, doch mir wurde erklärt, daß man schon einen Gast beherberge, diesen nicht verlieren möchte und mir deshalb den Eintritt verwei­gern müsse. Als freundlichen Rat bekam ich noch den Hinweis, ich möge es doch bei einer anderen Hütte versuchen, bei meiner netten Erscheinung bekäme ich sicher bald Einlaß. Doch die erste Absage traf mich tief und es dauerte lange, bis ich mich entschloß, die erste Erfahrung nicht zu verallgemeinern und einen neuen Versuch zu wagen. Der Eingang der zweiten Hütte, die ich nur durch Zufall fand, war mit einem großen H gekennzeichnet. Ohne geklopft zu ha­ben, wurde mir geöffnet und ich durfte eintreten. Doch nach einer kurzen Weile wurde mir erklärt, die Hütte böte nicht genügend Platz und ich müsse es anderswo versuchen. Durch das geöffnete Fenster wurde mir noch nachgerufen, ich solle es immer wieder versuchen, ich würde es schon schaffen, denn ich verdiene es, daß man mir Einlaß gewähre. Nun stehe ich vor der nächsten Tür, die ein großes R trägt und zögere noch ein wenig, denn ich sehe, daß schon ein anderer Gast Aufnahme fand. Mein vorsichtiges Klopfen scheint nicht gehört worden zu sein, doch immer wieder höre ich Schritte, die sich der Tür nähern und mich glauben lassen eintreten zu dür­fen.

 

Nun wüßte ich gerne, welcher Schlüssel mir die Tür öffnet und ich schreibe voller Zuversicht „Königin ich hab dich gern“ auf die vereiste Fensterscheibe, denn ich verliere nicht den Mut.

 

 


 

05.04.1982 - N. Burger


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