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Das Spiegelbild

Als ich in den Spiegel blickte, erschrak ich. Eine alte Frau lä­chelte mich an und als ich bestürzt fragte, was sie in meinem Spiegel zu suchen habe, antwortete sie mit ihrem zahnlosen Mund: „Ich bin du; denn in Wirklichkeit bist du nicht der junge, glän­zende Mann, der mit seinem Charme glaubt, die Welt belügen zu können, sondern ein altes Weib, schwach, zahnlos und vom Tode der Erkenntnis gezeichnet.“ Mit einem Schrei fuhr ich zurück, riß heftig an meiner Krawatte und stürmte unter dem Hohngelächter des Weibes aus meinem Zimmer. Unruhig betrat ich die Straße. Unendlich weit streckte sie sich staubig links und rechts von mir. Mir fiel auf, daß niemand auf der sonst recht belebten und geschäftigen Straße war. Mißtrauisch schielte ich zum Himmel hinauf und bemerk­te mißmutig die großen, schwarzen Wolken als Vorboten eines Ge­witters oder zumindest eines Sturmes, günstigenfalls eines starken Regens. Deshalb griff ich nach dem altväterlichen Schirm um für alle Fälle gewappnet zu sein und machte mich auf den Weg.

Normalerweise war es bis dorthin, wo ich wollte, keine große Strecke Weges, jetzt aber, als ich zwischen den leblos scheinenden Häusern meinen Weg ging, kam es mir vor, als befände ich mich in einer anderen Stadt.

Ich wurde so unsicher, daß ich mehrmals fast gegen meinen Willen in mir urplötzlich fremde Straßen einbog und nach einer Stunde verzweifelten Laufens, gestand ich mir meine Verwirrtheit und Ver­irrtheit ein. Mit den Blicken suchte ich einen Menschen, um ihn um Rat anzugehen, doch noch immer rührte sich nichts. Mit eingezoge­nem Kopf schlich ich weiter, kam auf einen großen Platz - wahr­scheinlich der Marktplatz, dachte ich - und, ihn als zentralen Punkt auswählend, versuchte ich, wenigstens den Rückweg wieder zu finden.

Ich ging langsam auf die Mitte des Platzes zu und von der Ferne sah ich jemanden auf der frei im Raum stehenden Bank sitzen. Er­leichtert lief ich los, doch so sehr ich lief - ich hörte schon das Keuchen meiner Lungen - mir schien, als wiche der Platz be­ständig zurück. Als ich jetzt genau schaute, konnte ich nicht ein­mal mehr die Bank sehen; vor Schreck versagten mir die Knie und ich setzte mich auf das eckige Pflaster.

Kaum saß ich, ging um mich lautes Lärmen los. Autos fuhren wild durcheinander und grell hupend aufeinander los, Menschen hasteten eilend, wie mit wichtigen Geschäften belastet, über die Gehsteige, schreiende Knaben spielten lautes Spiel. Mit weiten, eckigen Sprüngen rettete ich mich von der Fahrbahn auf den Gehsteig und hielt keuchend inne. Ich wandte mich an einen Vorübergehenden, um zu fragen, wo ich sei, aber der Mann lief weiter als habe er mich nicht gehört. Ich lief ihm nach, wurde von hinten angestoßen und wäre fast auf die Fahrbahn gestürzt, allein der grelle Schrei ei­ner Hupe riß mich in den dem Passanten zugewiesenen Bereich zu­rück.

Ohnmächtig vor Verzweiflung stürzte ich zu der Tür des nächsten Hauses und hieb mit der Faust daran. Noch immer hielt ich den Schirm in der Hand und als die Tür sich öffnete, hob ich ihn dro­hend zum Schlag und rief: „Wo bin ich?“ Die alte Frau, die geöff­net hatte, lächelte mich an und während ich sie mit wachsendem Er­schrecken wiedererkannte, sagte sie, dabei immer freundlich lä­chelnd: „Du bist am Ende deines Weges, alter Mann. Also stirb und laß die Lebenden in Ruhe!“ Mit diesen Worten schloß sich die Tür mit leichtem Knall; ich aber stürzte mich in meinen Schirm, der sich in ein langes Messer verwandelt hatte und während ich fiel, krachten in der Ferne Gewitter und der einsetzende Regen wusch mein Blut auf die Straße und in den Abfluß.

 


M. Trapp


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