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Rendezvous oder Beschreibung des Widerwillens

Erst höre ich Schritte, kurz und schnell auf der Treppe, langsam und gemessen in der Diele, dann, nach einem kurzen Verhoffen vor der Tür, das zaghafte Klopfen der weißen Knöchel. Ich sage nichts, doch nach einer kurzen Weile wird die Klinke (sie quietscht immer etwas) plötzlich entschlossen niedergedrückt und ihr Kopf mit fra­gend hochgezogenen Brauen und seltsam verzogenem Mund schiebt sich herein. „Was machst du?“ fragt sie süßlich und angewidert knurre ich etwas zur Antwort. Dann, mein Einverständnis stillschweigend voraussetzend, tritt sie ein, wirft Tasche und Jacke auf den Stuhl und setzt sich, auf meinen Platz. Ich, von der Störung ungehalten, blicke sie finster an und frage, vergeblich Freude dabei vortäu­schend, was sie wolle und ob etwas Besonderes sie zu mir triebe? Ihr Gesicht wird dunkel und mißgelaunt sagt sie, trotzig wie ein Kind: „Du magst mich nicht!“ „Ja, zum Teufel, ja!“ rufe ich wild und wende mich  herum,  entschlossen  sie  zu übersehen.  Lange schweigen wir so.

Schließlich steht sie auf und beginnt in meinem Zimmer hin und her zu gehen. Sie bleibt vor dem Bücherregal stehen, liest die Titel und nimmt irgendeines heraus, vielleicht nicht wissend, wie sehr mich das reizt.

Dann - mit Erleichterung stelle ich fest, daß sie gehen muß - er­hebe ich mich, sage ein paar belanglose Worte und bringe sie nach Hause. Vor ihrer Tür küsse ich sie flüchtig und während sie den Kopf an mich gelehnt irgend etwas flüstert, blicke ich gelangweilt in die Nacht.

Doch erst, wenn sie hinter der Glastür verschwunden ist, wage ich es, erleichtert aufzuseufzen, wohl wissend, daß jeder Tag und jede Minute austauschbar und gleich nichtssagend ist.

 

 


 

M. Trapp


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