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Der absolute Nullpunkt

Nun ist es schon drei Jahre her, daß ich mich entschloß in den großen Spiegel in meinem Keller zu blicken. Ich war damals bereit, ohne Furcht vor dem Sichtbaren und vorurteilsfrei meine Augen in die Tiefe der Reflektion zu richten.

So stieg ich voller Erwartung und unter Aufbietung allen Mutes in den Keller hinunter und stellte mich mit geschlossenen Augen vor den Spiegel. Zuerst zögerte ich noch ein wenig, denn ich wußte nicht, was ich zu erwarten hatte, und niemand hätte mir dies sagen können. So siegte dann auch die Neugier und ich öffnete langsam meine Augen. Vor mir sah ich eine breite Straße, die einen kleinen Berg hinauf führte. Oben endete sie an einem großen Tor. Links und rechts des Tores wuchsen riesige Mauern in den Himmel und sie reichten soweit das Auge sehen konnte. Fast wollte ich mich wieder abwenden, denn die Landschaft, die sich meinen Augen bot, war al­les andere als interessant. Doch plötzlich wurde das Tor für einen kurzen Moment durchsichtig. Was ich damals hinter diesem Tor er­blickte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen, doch muß es sehr schön und anziehend gewesen sein, denn ich entschloß mich sofort, die Reise durch den Spiegel anzutreten, um zu diesem Tor zu gelan­gen. Heute kann ich nur noch vermuten, daß es vielleicht das Para­dies war oder wenigstens ein Ort des Glücks und der Geborgenheit.

Ich begann dann mit den Vorbereitungen für die lange Reise. Alles was mir wichtig erschien wollte ich mitnehmen. Nach langen Überlegungen wurde die Zahl der Reiseutensilien immer kleiner und am Ende blieb nichts mehr übrig. So konnte ich dann auch die Reise sofort antreten. Ich stellte mich also wieder vor den Spiegel, schloß die Augen und sprang mit Schwung gegen die Glasfläche. Un­ter lautem Klirren fiel ich in die Tiefe.

Als ich wieder erwachte, lag ich auf der Straße, die ich vor­her durch den Spiegel sah. Ich stand auf und ohne auf die Schnittwunden zu achten, machte ich mich auf den Weg, den Berg, auf dem das Tor stand, zu erklimmen. Doch je länger ich ging, desto weiter schien die Mauer zu sein. Ich mußte sogar mehrmals anhalten um eine Pause einzulegen, denn meine Kräfte wollten mich schon verlassen. Dann aber sah ich die Mauer riesengroß vor mir aufragen und ich wußte, daß ich nach der nächsten Kurve das Tor sehen würde. Doch meine Enttäuschung war riesengroß, als ich vor der Mauer stand, und kein Tor weit und breit zu sehen war. Das Gefühl, das in mir aufstieg, raubte mir alle Vernunft, so daß ich mich zu Boden warf und laut schrie. Dabei verlor ich die Besin­nung.

Als ich erwachte, lag ich auf der Straße, doch von einer Mauer oder einem Tor war nichts zu sehen. Total niedergeschlagen und mit dem Gefühl vollkommener Unfähigkeit und Minderwertigkeit trat ich gebeugt den Rückweg an. Doch nach drei Tagen angestrengten Fußmar­sches war von der Rückseite des Spiegels, durch den ich hierher kam, nichts zu sehen. Seit jenem Tag suche ich die Stelle,

 

an der Alles begann.

 

Ich lebe heute wieder in meiner alten Umgebung, doch habe ich nie den Rückweg gefunden. Manchmal glaube ich, dies sei nur eine Scheinwelt, um mich hinters Licht zu führen und mich von der Su­che nach dem Rückweg abzuhalten.

Bis heute habe ich keinen Beweis gefunden, daß dies nicht so ist.

 


 

15.01.1982 - N. Burger


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