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Der Traum

Es ist Nacht. Die längste Nacht, die ich bisher erlebt habe, denn sie dauert nun schon drei Jahre. Manche Menschen fühlen sich in der Nacht wohl, betrachten die Sterne oder den Mond und freuen sich, wenn sie eine Sternschnuppe sehen. Ich habe aber vergeblich auf Sternschnuppen gewartet. Auch waren bisher keine Sterne zu sehen - wahrscheinlich ist der Himmel bedeckt.

Ich habe beschlossen auf der anderen Seite weiter zu schlafen, wenn sich bis zur Rückkehr zum Ausgangspunkt keine Morgendämmerung einstellt.

Doch kurz bevor der Startschuß fällt wird es langsam heller und ich kann schon den Horizont erkennen. Anfangs muß ich noch meine Augen verdecken, die von der langen Nacht stark geweitete Pupillen haben. Ich merke aber, wie ich mich langsam an das Licht gewöhne und nun kann ich auch die Sonne am Horizont sehen. Sie steigt immer höher und höher, bis sie sich plötzlich vom Himmel löst und mir entgegen rollt. Mein Herz beginnt schneller zu schla­gen und mir wird immer wärmer. Eine Weile betrachte ich sie, wie sie so auf mich zu rollt, doch dann erfaßt mich panischer Schrec­ken. Blitzschnell drehe ich mich um und will die Flucht ergreifen, doch dabei stoße ich an einen Tisch und klirrend fällt eine Gipsfigur zu Boden. Ich bleibe stehen und betrachte sie eine Weile. Dabei fällt mir auf, daß sie immer noch lächelt und fast nicht be­schädigt ist. Nun wird es mir doch zu heiß und ich ergreife erneut die Flucht. Ich renne so schnell wie ich kann und mein Puls geht immer schneller. Auf meinem Weg komme ich zu einem See, an dem ich kurz anhalte, mit der Hand ins Wasser fasse und die Nässe fühle. Aber auch sie bringt mir keine Kühlung und so laufe ich weiter. Auf einem Hinweisschild steht: Zum Glücksbrunnen. Ich folge ihm und komme auf einen kleinen Berg. Doch der rollende Feuerball hat mich schon fast eingeholt und so renne ich immer weiter, über eine lange Treppe, deren Stufen ich fast spielerisch überspringe, komme ich zu einem Schacht, der in ein Kellergewölbe führt. Die Wände sind feucht. Der Schacht führt zu einer großen Halle, in der ich mich auf den Boden setze und etwas Luft hole. Nach einer Weile ha­be ich mich beruhigt und betrachte den Raum. Doch etwas beunruhigt mich. Ich bemerke, wie sich die Wände langsam nähern um mich zu erdrücken.

Plötzlich öffnet sich der Boden unter meinen Füßen und ich falle ins Bodenlose. Doch der Flug ist sehr angenehm, denn er gibt mir das Gefühl von Schwerelosigkeit. Aber kein Flug dauert ewig, und so lande ich denn auch ziemlich unsanft auf dem Boden. Als ich mich wieder aufrichte erschrecke ich vor meinem Spiegelbild, weil ich bis jetzt glaubte, der Einzige zu sein. So wende ich mich ab und gehe langsam weiter.

Auf meinem Weg, den ich nun vorsichtiger gehe, bemerke ich, daß sich am Boden langsam Nebel bildet, der mir die Sicht er­schwert. Doch ich gehe weiter, denn ich habe gelernt, daß man nicht stehenbleiben kann, sondern immer weiter muß. Allmählich lichtet sich der Nebel wieder und ich komme schneller voran.

In einiger Entfernung kann ich eine lange Mauer erkennen und beim Näherkommen sehe ich, daß nur ein kleines Tor durch die Mauer hindurch führt. Als ich das Tor erreicht habe, versuche ich es zu öffnen, doch es ist verschlossen. Ratlos sehe ich mich um und er­blicke auf dem Boden einen Schlüssel. Und nun wird mir plötzlich klar, daß jemand schon vor mir hier war und den Schlüssel wegwarf, weil es sich nicht lohnt das Tor zu öffnen.

Als mir dieser Gedanke kommt, wird es plötzlich wieder dunkel und ich kann nichts mehr sehen. Ich irre umher und taste nach et­was, das mir einen Halt bietet und als Ausgangspunkt dienen kann. Zuerst glaube ich, daß mein Augenlicht mich verlassen hat, doch mit der Zeit muß ich erkennen, daß es wohl doch nicht an meinen Augen liegt.

 


Plötzlich wache ich auf und merke, daß alles nur Realität war. Und jetzt, da ich wieder träume, weiß ich, daß man der Realität nicht so viel Bedeutung beimessen soll, denn jede Realität hat einmal ein Ende.

 


 

10.01.1982 -  N. Burger


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