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Unsicherheit

Nach langer Zeit tritt wieder der Gedanke, der alles umhüllt und vor den Blicken der blinden Passanten verbirgt, auf der Bühne der ewigen und doch so kurzen Täuschungen auf. Er ist es, der jede ernsthafte und zufällige Begegnung zu einem Augenblick der größten Angst vor der Zufriedenheit werden läßt und dabei doch nur mit ei­nem leichten Lächeln und rasender Geschwindigkeit von einer Wand zur anderen kriecht. Dabei gibt es sogar noch kleine Momente der Besinnung.

Wenn dann der allabendliche Besucher an die Tür klopft und sich durch eine Art Fernhypnose Eintritt schafft, verwandelt sich das kleinste Zimmer in eine riesige Turnhalle und jeder Schritt wirkt nutzlos im Verhältnis zum festgesteckten Ziel. Aber Ziele sind notwendig, denn jeder Weg hat ein Ziel,  sowie auch jede Stunde einen Sonnenuntergang hat. Doch von einem Sonnenuntergang weiß man, daß er aus einer Täuschung der Sinne besteht, denn seit der Geburt ist die Sonne nicht untergegangen.

Die Sonne steht heute wieder auf dem verbotenen Platz und war­tet auf Widerspruch aus den Reihen derer, die es besser wissen. In ihren Reihen sind auch jene zu finden, die die größten Schritte in der Turnhalle machen und dabei noch dem Gedanken zuwinken, der lächelnd von einer Wand zur anderen kriecht. Auf diesem verbotenen Platz stehen nun schon seit mehr als fünfzehn Monaten drei kleine Skulpturen, die im unbeobachteten Moment die Plätze tauschen und so eine Orientierung fast unmöglich machen. Auch haben sie keine eindeutige Blickrichtung. In der Mitte des Platzes steht ein klei­ner Brunnen, der mit Sand gefüllt ist. Er ist auch nur sichtbar, wenn sein Schatten eine der Skulpturen erreicht. Dann beginnt auch der Sand zu fließen und kann bei günstiger Witterung die Beine der Skulpturen benetzen.

Wenn aber nach acht Erdbeben die Risse im Steinboden sich zu gewaltigen Schluchten erweitert haben und sich der Nebel gelichtet hat, kann man mit Kompaß und Anker bewaffnet die einzelnen Krater besuchen, die noch aus der Kindheit in der Erinnerung kleben. Doch muß man sich hüten einen Schritt zu weit zu machen, denn der loc­kere Boden trägt nur das halbe Körpergewicht. Auch steht die Sonne ziemlich tief am Horizont und beleuchtet den moosigen Grund sehr schlecht. Auf halbem Wege zwischen Psyst und Compornakung liegt eine Schlucht, die von kleinen astfreien Bäumen überwuchert ist. Sie ist mit dicken Nebelschwaden gefüllt, die beim Einatmen Alp­träume verursachen, nach denen sich viele Kopubumtisten reißen. Am Ende der Schlucht steht ein kleiner Turm, dessen Eingangstür jeden Morgen von einer Marmorskulptur verschlossen wird. Von sei­ner obersten Plattform aus kann man den herrlichen Ausblick auf das weiter  entfernte Tibust genießen und dabei  die  Gedanken schweifen lassen. Dabei stößt man dann leicht an die Grenze zum

Perwahlasland, in dem manche der Skulpturen verweilen, wenn man von außen nur ihren Schatten sieht. Doch wird dies sehr gern gesehen.


Der Gedanke ist nun auf dem verbotenen Platz angelangt und ge­nießt dort die Aussicht, auch wenn er noch manchmal Alpträume ver­ursacht. Doch nach einem Moment der Besinnung gewinnt jede Skulp­tur eine eindeutige Blickrichtung.

 

 


 

13.06.1982 -  N. Burger


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