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Begegnung ohne Echo

Jeden Morgen komme ich auf meinem Weg zur Arbeit an einer Villa vorbei. Doch weil ich dauernd in Eile bin, konnte ich sie nie ge­nauer betrachten. Auch ist der Verkehr an dieser Stelle besonders dicht und erfordert vom Autofahrer besondere Aufmerksamkeit. Eines Tages aber entschließe ich mich, einige Minuten Verspätung in Kauf zu nehmen und mir das Haus aus der Nähe anzusehen.

Doch mein Unternehmungsgeist wird gleich zu Anfang durch eine hohe Mauer gebremst. Was mich dabei aber irritiert, ist daß die Mauer nur da zu stehen scheint, wo ich zum Haus gelangen will. Ob­wohl sie mir den Weg versperrt, kann ich ungehindert in den Garten blicken. In ihm kann ich ganz obskure Dinge sehen:

Einen alten Turm, dessen Fensterläden fest verschlossen sind, mit einer Treppe, die gut sichtbar, aber doch nicht zu existieren scheint. Nur die erste Stufe besitzt eine Realität.

Riesige Pilze, die mit ihrem Schirm der Umgebung etwas Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen geben und auch andere Witte­rungseinflüsse abhalten.

Mitten auf dem Rasen liegt eine Schallplatte und mit etwas An­strengung kann ich sogar den Titel lesen - Disco und Vernunft - was mich sehr erstaunt.

Dann sehe ich auch noch Dinge, die ich nicht benennen kann, die sich zu widersprechen scheinen und in mir ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen. Sie steigern in mir den Wunsch, ihr Geheimnis zu ergründen. Mich befällt eine leise Ahnung, doch ich kann sie nicht fassen. Sie scheint im Raum zu schweben und jeder Annäherung aus­zuweichen. Alles zusammen erweckt den Eindruck von Reichtum und ich denke mir halb im Scherz - das gehört sicher einem Ölscheich.

 

Plötzlich erkenne ich jenseits der Mauer ein Gesicht, das starr an mir vorbei blickt. Es ist ein junges Mädchen mit Sommersprossen und hübschen Augen. Auf eine so plötzliche Begegnung nicht einge­stellt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen - wahrscheinlich vor Schreck - doch ich fasse mich schnell und rufe ihr über die Mauer zu. Zuerst leise, dann immer lauter. Doch sie scheint mich nicht zu hören. Es ist wie in einer tiefen Schlucht, in die man hinein ruft, mit der sicheren Erwartung ein Echo zu hören. Nach einer Weile ist alles verschwunden und ich bin nicht einmal si­cher, ob ich alles für Realität halten soll.

Links neben der Mauer ist ein Schild mit einem Namen ange­bracht. Bei dem Versuch die Schrift zu entziffern muß ich mir ein­gestehen, daß ich des Lesens nicht kundig bin - jedenfalls bei diesem Schild.

So wende ich mich ab und gehe wie gewohnt meiner Arbeit nach. An den folgenden Tagen sehe ich nicht einmal hin, so als ob mich das fehlende Echo beleidigt hätte. Doch diese Begegnung hat einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen und beschäftigt mich in mei­nen Gedanken. Nun weiß ich nicht, ob ich noch einmal anhalten und auf eine zweite Begegnung warten soll. vielleicht kann ich doch noch ein Echo hören. Aber mein Mut ist mir geschwunden.

 

 


 

29.11.1981 - N. Burger


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