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Unterhaltung

A traf B nach langer Zeit an einem Samstagmorgen beim Einkaufen in der nahegelegenen Stadt. Doch weil beide in Eile waren, verabrede­ten sie sich zu einem Gläschen Wein in einer gemütlichen kleinen Weinstube. B gehörte zu jener Sorte Menschen, die oberflächliche Gespräche mieden und sehr schnell vom Nebensächlichen zum Kern wechselten. So ergab es sich auch, daß B auf die Frage von A: „Und, wie geht es dir sonst?“ zuerst einmal das Gesicht verzog, kurz an seiner Zigarette sog und dann den Rauch genußvoll in die Höhe blies. „Das ist eine gute Frage! Aber die Antwort darauf ist sehr schwer. Ich würde gerne sagen, es geht mir gut, doch würde dies nicht der Wahrheit entsprechen. Auch kann ich nicht sagen, es geht mir schlecht, denn jeder der mich von außen sieht, wird sagen: ‚Dir geht es doch gut!‘ und auch das ist nicht richtig.“ A sah ihn fragend an und konnte ihm nicht ganz folgen, „wie soll ich das verstehen?“ „Nun, das ist eine lange Geschichte, aber wenn es dich interessiert, will ich sie dir gerne erzählen.“ A wurde neugierig. Er kannte B schon sehr lange, und doch wurde er nie ganz schlau aus ihm. In den vielen Jahren, die sie zusammen verbrachten, war es immer B, der seine Probleme schilderte. A war ein vortreffli­cher Zuhörer. Für B schien A keine Probleme zu haben, denn er brachte nie welche zur Sprache. Deshalb war es auch B, der immer und immer wieder sein Herz ausschüttete und lange Monologe führte. B: „Weißt du, ich verstehe es selbst nicht so ganz. Obwohl ich mich bemüht habe alles und jeden zu verstehen. Bei anderen mag mir das auch gelungen sein, nur bei mir selbst versagen meine Fähig­keiten. Ich habe mich oft selbst gefragt: ‚Bist du nun glücklich, oder unglücklich?‘ Doch auch diese Frage konnte ich nicht beant­worten. Es blieb immer bei einer undefinierbaren Unzufriedenheit. Unzufriedenheit entsteht aber immer dann, wenn man mehr will, als man erreicht hat, oder wenn man etwas anderes will, als man er­reicht hat.“ A: „Was willst du denn erreichen?“ B: „Das weiß ich eigentlich nicht. Ich weiß nur eines. Bevor ich von jemand Anderem etwas erwarten kann, muß ich ihm das Gleiche entgegenbringen  Zuerst habe ich geglaubt, jeder hat das Glück in seiner eigenen Hand, er brauche es nur zu greifen. Doch nach eini­ger Zeit habe ich gelernt, daß kein Mensch allein auf dieser Welt lebt und man das wahre Glück nur im Zusammenleben mit Anderen fin­den kann. Nachdem ich dann auch noch von einem guten Freund hörte, daß ich viel zu unumgänglich sei und Anderen gegenüber zu aggres­siv, bemühte ich mich, ein idealer Mensch zu werden. Und ideal war für mich ein Mensch, von dem keiner etwas schlechtes sagen konnte. Hatte ich es geschafft, nach vielen Jahren des Suchens, ein Mensch zu sein, der alles klar und ohne Vorurteile sehen konnte, so galt nun mein Bestreben dem Ziel ein absoluter Freund und idealer Mit­mensch zu sein. Die schlimmsten Erfahrungen dabei waren, eigene Fehler, die man bisher begangen hat, im Glauben das Richtige zu tun, mit einer Deutlichkeit zu sehen, so als ob sie ein anderer begehen würde. Auch vermied ich es, der Melancholie, die mich sehr oft heimsuchte, nachzugeben. Doch je stärker ich mich gegen diese Kräfte wehrte, desto stärker wurden sie und ich hatte immer das Gefühl zwischen absoluter Hochstimmung und totaler Niedergeschla­genheit zu wandern. Der kleinste Anlaß konnte mich in die tiefsten Abgründe der Depression werfen.“

A: „Bist du ein idealer Mensch geworden?“ B: „Das habe ich mich auch oft gefragt! Nach meinen bisherigen Kenntnissen, kann man alles nach seinen Auswirkungen auf die Umge­bung beurteilen. Also habe ich versucht Auswirkungen nach meinem Sinne zu schaffen. Doch dies war für mich die härteste Erfahrung von allen. Denn wo immer ich nach Auswirkungen gesucht habe fand ich keine. Nicht, daß es unerwünschte Auswirkungen waren, Nein - es gab überhaupt keine. Ich mußte lernen, daß meine Aussagen und Taten nichts, aber auch wirklich nichts bewirkt haben, außer daß ich dabei Sauerstoff verbraucht habe, und alles um mich herum ge­nauso abgelaufen wäre, wenn es mich nicht gegeben hätte.“

A: „Bist du sicher, daß es keine Auswirkungen gegeben hat?“ B: „Ich bin mittlerweile eher geneigt Anderen zu glauben als mir selbst. Ich habe oft nach Auswirkungen gesucht, auch wenn es mini­male waren, doch ich habe keine gefunden.“

A: „Es liegt wohl daran, daß du ein viel zu offener Mensch bist. Jeder merkt gleich, daß du kompliziert bist und mit komplizierten Menschen will keiner etwas zu tun haben, denn bei komplizierten Menschen muß man nachdenken, muß man Zeit opfern, von der man doch so wenig hat, und die man doch lieber für sich selbst verbraucht, als für einen Anderen, denn was geht einen ein Anderer an. Jeder ist sich selbst der Nächste.“

B hörte die letzten Worte seines Freundes, der immer ein echter Freund gewesen war nur noch aus der Ferne, denn längst war er von seinem Platz aufgestanden, stieg die riesige Wendeltreppe hinauf und legte seinen Kopf aufs Schafott. Der Saal tobte vor  Bravo ­– Rufen, und die Menge brüllte nach einem letzten Autogramm. Die vielen Hurra - Rufe verstummten augenblicklich, als der Scharfrichter die Vorhänge zuzog und somit alles der Öffentlichkeit preisgab, was niemand seiner eigenen Seele verbergen möchte, denn jeder Druck auf die eigene Psyche ist wie ein Stein vor der Tür zum Garten, in dem bei strengem Frost die Rosen blühen. Zum Pilze sammeln braucht man einen Korb, doch keiner will ihn haben, und auch die Brandung überhört man gerne, so wie man auch gern eigene Fehler übersieht.

B und A sprangen plötzlich auf und jeder zog einen Revolver aus der Tasche. „Du hast mich betrogen, du Heuchler. Ich habe dir nie geglaubt und jetzt weiß ich warum!“ schrie B. „Du hoffnungsloser Idealist“, stöhnte A hervor. Beide drückten gleichzeitig ab und die Geschosse bohrten sich in die für sie vorgesehenen Körper.

Als man die Leichen aus dem Saal trug, schien es, als habe keiner etwas von dem Vorfall gemerkt. Nur der Wirt seufzte leise: „End­lich ist alles vorbei!“

 

 


 

16.09.1982 -N. Burger


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