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Die unbegreifliche Verwandlung

Es war schon spät am Abend, als ich nach langer Irrfahrt, durch den sehr schnellen Einbruch der Nacht überrascht, gezwungen wurde den nächsten Schlafplatz aufzusuchen. Nach einem für die Jahreszeit erstaunlich heißen Tag, stiegen langsam aus den Tälern dichte Nebelschwaden auf, die der Landschaft durch die schwindende Be­leuchtung und dem tief stehenden Mond, der gelblich grinsend am sonst wolkenlosen Himmel hing, ein gespenstisches Kleid verliehen. Also legte ich mich, durch die Strapazen des Tages ermüdet und schläfrig mitten auf einen freien Platz, rollte meinen Mantel zu einem Knäuel zusammen um ihn als Kopfkissen zu benutzen, schlüpfte etwas unbeholfen in meinen Schlafsack, den ich stets bei mir trug, und drehte mich auf die für einen ruhigen Schlaf unbedingt not­wendige Seite. Ich muß dann wohl sehr schnell eingeschlafen sein, und der Schlaf war auch recht tief, denn ich bemerkte nichts von dem, was um mich herum in der Nacht geschehen sein mußte.

Als ich am anderen Morgen erwachte, glaubte ich meinen Augen kaum zu trauen und ich schloß sie wieder um sie im nächsten Moment zu öffnen und doch wieder das Gleiche zu sehen. Vor mir stand ein wunderhübsches Mädchen, das mehr einer Märchenfee glich und einem Traum entstiegen zu sein schien. Doch als sie mir auch noch mit einem strahlenden Gesichtsausdruck, als würde die Sonne selbst in ihr scheinen, einen guten Morgen wünschte und mir auch noch zur Begrüßung die Hand reichte, fielen alle Vorstellungen von Traum und Märchenfee in mir wie Kartenhäuser bei einem Windstoß zusammen und ich mußte erkennen, daß sie wirklich und real vor mir stand. Etwas verlegen und umständlich stieg ich aus meinem Schlafsack und versuchte etwas mein Äußeres zu ordnen um nicht gerade den schlechtesten Eindruck zu machen. Dann ging ich geradewegs auf sie zu, erwiderte den Gruß und versuchte dabei so freundlich wie es mir nur möglich war zu sein. Doch es schien mir nicht so recht zu gelingen. Sie stand nur da und lächelte, gab aber sonst keine Antwort. Zuerst dachte ich, sie würde vielleicht eine andere Spra­che sprechen, und so versuchte ich es in allen Sprachen, die mir im Moment geläufig waren. Als ich nach kurzer Zeit am Ende meiner Kenntnisse war, versuchte ich es schließlich noch mit Zeichenspra­che, doch auch darauf zeigte sie keine Reaktion. Es schien so, als ob ihre Reaktionen nachließen, je mehr ich mich bemühte, mich ihr verständlich zu machen. Nein, es half nichts. Sie stand ganz still da, rührte sich nicht und sah mich nur an. Sie sah mich an, als würden mich ihre Blicke durchbohren, denn sie sah gar nicht mich, sondern durch mich hindurch in die Ferne. Deshalb konnte sie wohl auch nicht erkennen, daß ich mich ihr mitzuteilen versuchte.

Ratlos stand ich nun vor ihr und mußte mich damit begnügen, sie zu betrachten. Dabei konnte ich eine für mich unfaßbare Veränderung beobachten; die Ausstrahlung, die ich anfangs noch wohltuend spür­te, klang allmählich ab, und ihre Züge verwandelten sich langsam zu Stein. Was die Ursache für die Verwandlung war, konnte ich mir nicht erklären, doch stieg in mir dabei eine Angst auf, die an­fangs noch unbemerkbar war, aber mit der Zeit immer deutlicher wurde. Nach kurzer Zeit stand eine Marmorskulptur vor mir, die nichts von ihrer Schönheit eingebüßt hatte, außer daß alles Leben aus ihr gewichen war. Mein Erstaunen wurde aber noch größer, als die Feuchtigkeit um die Statue zu kondensieren begann und eine Abkühlung anzeigte. Fast wollte ich meinen Augen nicht trauen, doch als ich versuchte die Skulptur zu berühren, zog ich blitzschnell meine Hand zurück, die von einem stechenden Schmerz durchzuckt wurde, der von den Fingerspitzen ausging.

Nun stehe ich vor dem Mädchen, oder sollte ich besser ‚Skulptur‘ sagen, und habe dabei vollkommen das Zeitgefühl verloren. Ich weiß nicht, ob es noch Morgen ist, oder ob sich der Tag dem Abend zu­neigte. Ich bin fest davon überzeugt, daß dies alles nur ein Zwischenstadium ist, wenn nicht der Wunsch bei meiner Überzeugung die größte Macht besitzt. Doch ich habe Angst vor dem Abend, denn er kündigt das Ende des Tages an und noch größer ist die Furcht vor der kommenden

 

NACHT!

 

 


 

20.10.1982 -  N. Burger


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