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Die obskure Lösung

Das Fest ist zu Ende. Als wir erschöpft, aber doch noch fröhlich lachend das Haus des Gastgebers verlassen, kann man am Horizont schon einen hellen Streifen erkennen. Die Luft ist schneidend kalt und der Schnee knirscht unter den Schritten. Vereinzelt kann man sogar noch Sterne sehen. Einige der Partygäste scheinen doch noch recht unternehmungslustig zu sein, und so beschließen wir, zum Ski­laufen zu gehen. Ohne die Situation recht zu begreifen, stehe ich auf zwei Brettern und als ich mich umsehe bemerke ich, daß ich keine Skistöcke habe. Ich frage meine Nachbarin, ob sie mir welche leihen könne und sie übergibt mir drei, ohne den Fehler als sol­chen zu erkennen. Nun werden noch Karten für den Skilift verteilt. Jeder erhält eine kleine rote Karte, wie man sie in Kinos bekommt. Als wir am Skilift ankommen, stellen sich alle in einer Reihe auf und jeder der am Liftführer vorbeikommt wirft seine Karte in einen kleinen Korb neben dem Eingang. Zu meinem Entsetzen sind es aber grüne Karten, die im Korb landen. Ich stehe am Ende der Reihe und halte meine rote Karte in der Hand. Dabei überlege ich schnell, wie ich wohl am Liftführer vorbeikommen könnte. Sofort habe ich meinen Entschluß gefaßt und als ich vor dem Eingang stehe, nutze ich einen Moment aus, in dem der Liftführer zur Seite blickt, und gehe schnell und unauffällig an ihm vorüber, ohne eine Karte in den Korb zu werfen. Doch dieser hat es bemerkt und ruft mich barsch zurück. Nun muß ich doch den Eintritt bezahlen und er fragt mich nach meiner Schuhgröße, denn der Eintritt wird nach der Schuhgröße berechnet.

In meiner Nachbarschaft wohnt eine Familie mit vier Kindern, die aber alle schon fast erwachsen sind (drei Mädchen und ein Junge). Ihr Haus ist etwas tiefer gelegen und durch eine niedere Mauer von meinem getrennt. In ihrem Garten stehen einige Obstbäume, die auch zum Teil die Mauer überragen. Ich nähere mich der Mauer, doch die Frau des Hauses wirft mir einen bösen Blick zu und sagt mir, ich solle ihre Bäume nicht anfassen, sonst würden sie nicht mehr wachsen. Eine der älteren Töchter meint noch, ich würde sowieso alles zu ihren Katzen rüber werfen.

Ich verlasse mein Haus und gehe durch das Dorf, eine kleine Anhöhe hinauf. Um diese Zeit sind die Unruhen in der Bevölkerung wieder angewachsen und ich sehe einige der aufgebrachten Bürger mit großen Bowlingkugeln auf der Straße, die sie in die Schaufenster schleudern. Am höchsten Punkt betrete ich ein kleines Geschäft und sehe mir die ausgestellten Bücher an. Hinter mir kommen noch ein paar der Demonstranten und bedrohen mich. Ich ziehe aber seelenruhig meine Pistole, erschieße zwei von ihnen und erkläre dann den Anderen, daß ich für eine Fernseh­reparatur nur zwei Mark verlangen würde und für ein Radio sogar nur eins fünfzig, und dies sei kein zu hoher Preis,

wer damit nicht einverstanden ist werde sofort erschossen. Die Demonstranten verlassen eingeschüchtert das Geschäft und ich be­schließe, mit der Partygesellschaft zusammen nachzusehen, ob meine Befehle auch befolgt werden. Mit meiner Pistole in der Hand schleiche ich mich langsam vom Berg her an das Haus meiner Nach­barn an. Ich kann von oben über das Geländer in ihren Hof sehen und bemerke unten einige Autos, darunter auch ein roter BMW, und die ganze Familie, die sich zur Abreise richtet. Mit einer Handbe­wegung deute ich den Anderen an, sie müssen sich bücken und in Deckung gehen um nicht gesehen zu werden. Ich selbst versuche in eine andere Richtung zu blicken, um mich nicht durch ein spiegelndes Brillenglas zu verraten. Doch die Frau des Hauses scheint mich bemerkt zu haben, denn sie sieht unablässig in meine Richtung. Auch die Anderen bleiben jetzt stehen und sehen nach oben. Einer, der nicht zur Familie gehört, kommt langsam die Treppe hoch und als er mich erblickt, fährt er zusammen und bleibt stehen. Dann sagt er: „Mensch, mach keinen Blödsinn, das bringt doch nichts!“ Doch ich führe die Pistole an meine Schläfe und drücke ab. Ich fühle genau wie die Kugel meinen Schädel durchdringt und langsam falle ich in den Hof hinunter. Ohne einen Schmerz zu fühlen, lande ich auf dem Rasen und sehe, wie sich sie ganze Familie um mich versammelt. Jeder reicht mir die Hand um sich von mir zu verab­schieden. Doch die jüngste Tochter ist nicht zu sehen und ich rufe laut: „Gabi! Gabi!“ Eine der älteren Töchter schüttelt nur den Kopf und sagt dann ganz mitleidvoll: „Er ruft den falschen Namen. Kein Wunder, er kennt sie ja nicht mit ihrem Richtigen!“


26.04.1982 - N. Burger


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