NickSoft

Ein Traum

Neulich schlief ich. Und wie ich schlief, erschien ein weiß ge­kleideter Mann, befahl mir, ihm zu folgen und ich war gehorsam. Über spitze Steine und kalten Teer führte er mich, hinaus in den Wald über Berge und Täler und - sieh! - plötzlich änderte sich die Landschaft, seltene Wesen kamen leicht tapsend auf mich zu. Er­staunend stellte ich fest, daß es Schweine waren, die auf Hinterfüßen liefen und die Vorderfüße leicht entschuldigend verschränk­ten.

Hilflos wandte ich mich meinem Führer zu, doch der war verschwun­den und ganz unerwartet sprach mich eines dieser Menschenschweine an: „Hilf uns, gütiger der Weisen! Wenn du in das große Mißbehagen trittst, werden wir wieder Schweine sein, die auf allen Vieren ge­hen und willig dem Mensch ihr Fleisch geben.“

Verwundert hob ich den Blick, denn ich hatte mich, um besser ver­stehen zu können, leicht niedergebeugt, so daß meine nach außen gespreizten Finger unbequem auf die Knie gestützt waren, und sah, daß sich der große Berg, der sich jenseits der Ebene in der Ferne erhob, zu einem riesigen Tor geöffnet hatte, das ständig zu wach­sen und den Himmel zu berühren schien.

Ruhig erhob ich mich zu meiner vollen Größe und schritt auf den Schlund zu und obwohl er Tausende von Meilen entfernt schien, hatte ich mit fünf Schritten den Eingang erreicht. Dunkle Stille umfing mich, ja, selbst als ich den Kopf wandte, so daß die Nac­kenwirbel schmerzten, konnte ich nicht den geringsten Schein des Tages sehen, durch den ich die ganze Zeit geschritten war.

Vorsichtig suchend tat ich einige Schritte vorwärts, stieß gegen einen Stein, umrundete ihn und stand vor einer Frau mit entblößter Brust, die auf einer kleinen hölzernen Bank saß, und mich anblick­te als sähe sie mich nicht. Ich lächelte verlegen und räusperte mich, denn es war naßkalt und ich fragte mich, ob die Frau nicht friere.

Fast schleichend, behutsam Schritt vor Schritt setzend, näherte ich mich der Unbekannten, holte auf dem Weg zu ihr mein kleines Messerchen hervor, öffnete es und stieß es ihr in die Brust, nahe dem Herzen, wo es nicht so sehr schmerzt. Es schien als spüre sie überhaupt nichts, nur verriet ein leichtes Senken ihres Kopfes, daß sie mich bemerkt hatte und mir schien, als beobachtete sie nachdenklich das braune Holz des Griffes. Ich trat ein wenig zu­rück, um mir mit ihrem Blut, das wie das Wasser eines eisigen Ge­birgsbaches über die Steine spülte, nicht die Schuhe zu beschmut­zen, und setzte meinen Weg durch die unterirdischen Gänge fort.

Durch einen langen, schmalen Gang gelangte ich in einen Raum, des­sen Wände grünlich schimmerten, wie überhaupt über der ganzen Af­färe die mir sehr peinlich und unangenehm schien, die ganze Zeit ein schwaches Licht lag, ähnlich dem Licht, wenn ein Schatten des Mondes in das häusliche Schlafzimmer fällt.

In diesem Raum stand ein dunkler Mann, der mich äußerst höflich grüßte und mir bekannt vorkam. Da ich dachte, er und ich hätten denselben Weg, bot ich ihm meine Begleitung an, obwohl ich es has­se, Bekannten in meinen Träumen zu begegnen.

Er nahm mein Angebot schweigend zur Kenntnis, machte eine einla­dende Handbewegung und öffnete eine Tür, die ich in der Meinung, der Gang sei hier zu Ende, übersehen hatte, und sogleich schlug ein furchtbarer Feuerstrom hervor, der meinen Bekannten augen­blicklichst in Brand setzte.

Erschrocken blickte ich ihn an, er aber wiederholte nur seine höf­liche Geste und ich trat - mißtrauisch und seltsam beruhigt zu­gleich - durch die Pforte in einen finsteren, hohen, in seiner Länge nicht abwägbaren Raum.

Hier drinnen war es furchtbar kalt und ich ärgerte mich, nicht ebenso wie mein Bekannter in Flammen zu stehen, der es sicherlich gemütlich warm hatte. Mit Hilfe seiner flackernden Gestalt ver­suchte ich, so schnell wie möglich den Raum zu durchqueren, aber nach einer halben Stunde angestrengten Marschierens hatte ich das Ende noch immer nicht erreicht und langsam wurden meine Beine müde und meine Rückenmuskeln, die ich in Erwartung eines Zusammenstoßes mit der nahen Mauer angespannt hatte, begannen zu zittern. Ich empfand es als Erleichterung, als wir - mein Bekannter („Fackel“ hatte ich ihn in Ermangelung eines besseren Namens und da ich sei­nen wahren nicht wußte, insgeheim getauft) und ich - das gegen­überliegende Ende des Raumes erreichten.  Ich blickte über die Schulter zurück und erschrak über die riesige Ausdehnung des Raumes, so daß mir meine vor Kälte blauen Finger blutige Striemen rissen, und folgte willig meinem Bekannten, der mich in das an­schließende und anscheinend letzte Gemach führte.

In diesem Raum war es heller als in den anderen, in der Mitte stand ein Gegenstand, den ich unschwer als weißglühenden, vier­eckigen Körper erkennen konnte. „Dies“, sagte mein Bekannter, „ist das Ziel unserer Bewegung. Es ist der Anfang und das Ende aller Anfänge und Enden, der Beginn der Endlosigkeit und das Ende der sinnlosen Zusammenhänge.“

Und während er mir zuwinkte, sprang er hinein - ich aber erwachte und bestaunte schweißgebadet meinen Körper, der dalag wie ein fau­ler Apfel im Gras.

 


 

M. Trapp

 


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