NickSoft

Und draussen blühen die Bäume

Für Susanne
1
Andreas stieg gewohnt lässig in den Wagen ein, steckte den Schlüs¬sel ins Schloß und startete. Der Wagen sprang nicht an. Andreas stutzte und versuchte es noch einmal. Verdammte Technik! Abhängig wie Kinder an der Nabelschnur, unfähig, ja, nein zu sagen, nur: jein. Der Wagen blieb stumm. Kalter, nutzloser Gegenstand, nur zum Fahren befähigt, sinnlos, wenn ein einziges Teil nicht funktioniert.
Dann muß ich zu Fuß gehen! Seltsamer Gedanke, auf eigenen Füßen zu stehen, länger, als unbedingt nötig, die teerriechende Erde zu berühren, ein Schritt nach dem anderen, tip, tap, leicht-schwer, gnädig-herzlos, verliebt-einsam: jeder anders und doch alle gleich.
Der Wind zerwirbelte seine Haare, als er wieder aus dem Wagen stieg. Die weiche Nachtkühle tat angenehm gut und nachdem Andreas sich davon überzeugt hatte, daß der Wagen fest verschlossen war, schlug er den Weg nach Hause ein.
Muß morgen die Werkstatt anrufen. Schweinerei, sowas! Das helle Kopfsteinpflaster wölbte sich ihm wellenförmig entgegen, so als giere es nach jeder Berührung mit seinem Fuß. Es war kein Verkehr mehr auf den Straßen, wie brave Kätzchen lagen die abgestellten Fahrzeuge am Straßenrand, hörig ihrem Schlüsselbesitzer. Nur noch wenige Lampen warfen ihr spärliches Licht in die Nacht, die Häu¬serfassaden schwanden gesichtslos in die Ferne. Wie schaurig-schön hatte er es genossen, zusammen mit den Freunden, unweit des elter¬lichen Hauses, in einer selbst gebauten Hütte zu schlafen! Die nächtlichen Pirschgänge, Jagd auf etwas Namenloses, das Gefühl der eingebildeten Gefahr im Rücken, das Ausgeliefert sein an der Angst des Unausmalbaren, dieses süß-beglückende Empfinden einer Gemein¬samkeit mit den anderen, in deren Augen er genau dasselbe lesen konnte... Tief brannten sie in ihm, diese wenigen Jahre unbe¬schwerter Kindheit, die er erlebte.
Andreas erreichte die stählerne Brücke, die weit ausgespannt einen Bogen über den Fluß schlug. Der Fluß selbst war, seiner Schwärze wegen, kaum zu erkennen und nur schwach ließ sich erahnen, wo das Ufer aufhörte und das kalte Wasser begann. Narben-narbige Ober¬fläche der Stahlträger, zernietet und doch zum Zusammenhalt nötig. Die Nacht saß wie eine Krähe in den Fugen der aneinanderstoßenden Stähle, die Flüche der Arbeiter, die sie gebaut hatten und der Entsetzensschrei manch einer von ihnen, der - den Hammer noch in der Hand - sich aus der unheimlichen Höhe zu Tode stürzte, klebte zäh an dem dunkel schimmernden Metall, immer noch nicht gereinigt, nie mehr zu reinigen durch den Regen, der Tag für Tag, Jahr für Jahr, auf sie herabströmte.
Andreas erschrak, als er das Mädchen sah, dem das Dunkel der Nacht als Tarnung noch nicht ausreichend schien: Dicht in den Schatten eines der großkalten Pfeiler gepreßt, stand sie am Geländer, die weißen Hände um die Stange geklammert, so als gehöre sie zu den Arbeiterfrauen, die - Fall in eine Tiefe - den Sturz ihres Mannes,
ihres Geliebten, ihres Freundes von fern betrachteten und einer Brücke wegen ihre Zukunft verloren.
Was macht die da? - Unheimlich gespenstische Angst des Todes, die ihn ansprang. Tod? Schon lange erfaßt mit Statistiken, Berechnun¬gen, Erklärungen. Und doch: Immer gegenwärtig. Einzige Furcht des modernen Menschen. Größer als jede, weil verdrängter. Zu verlieren gibt es genug, zu gewinnen nichts.
Er trat ganz nahe heran.  Schreckgebanntes Gesicht,  trotz der Schwärze weichblondes Haar, Totenlaterne in der grabverhangenen Herbstluft. Durch das Leben ertrinken?
Andreas nahm sie in die Arme, streichelte ihr Haar - sommerblond - und sie schmiegte sich an ihn. Behutsam tröstete er sie und zog sie im Gehen langsam von der Brücke weg, weiter auf seinem Weg.
An einer verträumten Kneipe blieb er stehen und zusammen betraten sie sie, Liebespaar aus nächtlicher Verzweiflung, aschegeschwärzt, voll ertrunkener Hoffnung. Ein kleiner Holztisch, dessen rissige Fläche ihnen entgegenlachte, nahm sie auf und schweigend, die Arme selbstschutzsuchend verschränkt, setzten sie sich.
Der Wirt kam, nahm die Bestellung eifrig auf und verschwand hinter der Theke, von wo ab und zu das kichernde Geklirr der Gläser er¬klang. Andreas beugte sich vor, nahm ihre Hand und sagte:
Na, alles wieder in Ordnung?
Kopfschütteln. Wer heilt die Krankheit, wenn nur die Symptome be¬handelt werden? Wie heißt sie eigentlich? Komisch, ich kenne sie irgendwoher - weizenblond - warum sagt sie nicht ihren Namen? Hübsch, sehr hübsch.
Ich heiße Esther.
Windgeflüster des ersterbenden Gewitters, weit in der Ferne, alle können wieder lachen, Blätterrauschen im Herbst.
Esther?
Entzücken-Erschrecken. Esther! Seine Esther! Barfuß durch den kal¬ten Bach im Frühling, die spitzen Steine stechen den Fuß, angenehm das Brennen der unterkühlten Füße. Die Seeblumen wackeln nur be¬denklich mit den Köpfen... Neid? Haß? Bedauern? Und dann: Sommer, heiße Jagd an den aufgetürmten Heuballen vorbei, sie immer schnel¬ler, gewandter, aber auch: trauriger, abwesender wie er. Ach, langvergessene Vergangenheit!
Du heißt Esther?
Unglaubliches Staunen, wenn sie ihn nach kurzer Zeit in seinem vermeintlich sicheren Versteck gefunden hatte, ihr Haar sommerwei¬zenblond, sonnenweizend hinter ihr herflog, er ihr folgend, Zwei¬ter und trotzdem ihr Geliebter.
Sie wenigstens hatte es geschafft. War freiwillig, mutwillig ge¬gangen. Mit leichtem Türschlagen und einem verächtlichen Blick für die Mutter. Nichtwissen, nur Vorstellung. Einer von uns beiden muß es einfach geschafft haben! Weg von dieser Vergangenheit, weg von der Frau, die für ihn Jugend (1) war, und Mutter hieß.
Nie mehr etwas gehört von ihr, seiner Schwester: vergessen, ver¬schwunden, untergetaucht in der Milliardenmasse Menschen.
Meine Schwester hieß auch so.
Zittern in der Stimme, am ganzen Körper. Wieso „hieß“? Wo war sie
heute? Glücklich verheiratet, glücklich tot? Frauenschicksal? Op¬fer der eigenen Freiheit?
Esther lächelte müde.
Welch ein Zufall! sagte sie. Jaa..., verlegene Antwort.
War es Zufall? Oder mehr? Oder weniger? Warum wolltest du dich töten?
Schmerzhafte Frage, hart wie gefrorenes Wasser, Zittern in ihren Augen und: Antwort, Erklärung, Begründung des eigenen Mordes, ge¬nehmigungspflichtig, Gebühr bezahlt.
Typisch Mann-Freund, geil, versessen nur auf das kleine Loch zwi¬schen den Beinen. Unbarmherzig suchend, zurückweichen, flüchten, wenn er plötzlich feststellt: Ein Körper, ein Geist, ein Wille.
Nur: Nehmet hin meinen Geist? Oder den Leib? Beides? Enttäuschung, tiefe Mannerfahrung, eingebrannt in den jungen Frauengehirnen, un¬tilgbar ewige Schuld egoistischer, nach Mann riechender Wesen.
Esther begann wieder leise zu weinen. Andreas berührte sie vor¬sichtig. Tiefsitzender Schmerz. Sind Männer so grausam? Alte Hel¬denbilder, schwertverliebte Unmenschen. So: Hauptgericht: Mann, Beilage:    Frau.
Esther hörte auf zu weinen. Und du?
Seltsam, ganz einfach: und du. Was gab es zu sagen... Geschäfts-mensch, Businessman, angesehen, bekannt, berühmt, erfolgreich. Und beliebt (wurde behauptet). Frauen? Auch, aber mäßig. Verlobt mit einem Menschen weiblichen Geschlechts. Name: Doris, Tochter des Geschäftsinhabers. Sicherung der Zukunft (das sagte er ihr aber nicht).
Jugend II: Adoptiert in frühen Jahren von einem gutmütigen Paar, die das letzte für ihn gaben. Unschuldiger Schüler, unschuldiger Student, gesichtslos in der Masse der Vielen. Unauffällig, Mittelmaß. Aber: nicht dumm. Zählte das?
Esther blickte ihn verloren an. Du bist glücklich?
Wehmütige Erinnerung an die Schwester. Weizenblond. Sonst wußte er nichts von ihr. Glück - ja, mit ihr hatte er es erlebt, beim Tol¬len am Fluß, der im Winter dicke Eisschollen trug, beim Weinen, wenn sie ihn in die Arme nahm, tröstete und er nie ihren einsamen Blick an die Wand sah.
Jetzt bin ich zufrieden. Ich denke nicht mehr an Glück. Komisch, wie ärmlich das klang. Wichtig jetzt: Bilanzen, internationale Entwicklung der D-Mark, Entscheidungen der EG-Behörden, wie wird das Export-Geschäft mit Kuweit? Vertragsabschlüsse, Konferenzen. Airport Frankfurt, Paris, Kopenhagen. Das ist seine Welt. Glück? Gibt es nicht. Erfolg ist wichtiger. Beides braucht Zeit und die Zeit, die Menschen vergönnt ist, reicht nicht für beides.
Der dicke Kopf des Wirtes tauchte auf, seine bedauernden Augen ließen ahnen, was er wollte. Andreas zahlte deshalb sofort und sie erhoben sich, verließen die Wirtschaft, weniger unglücklich, als wie sie gekommen waren. Die dunkelsämige Nacht saugte sich an ih¬nen fest, freundlicher, fürsorglicher jedoch als zuvor, und sie
machten sich langsam auf den Weg zu ihr nach Hause.
Vor der Tür stemmte sie noch einmal kurz ihre Stirn gegen seinen Hals und blickte ihm ins Gesicht. Sehen wir uns wieder? lag in diesen Augen, sommerweizenblonde Helligkeit, murmelnd vorgetrage¬ner Wunsch, verzweifelt herbeigesehnte Antwort, Hoffnungslosigkeit erst beim Zuschlagen der holzklappernden Gartentür. Andreas lä¬chelte in die fragend faltige Stirn, in diese kaum und schlecht verborgene Verzweiflung hinein, küßte zögernd und doch mit plötz¬lich heftig erwachendem Verlangen ihren Mund. Sie wurde weich in seinen Armen, hing schwer, wie ein reifer Apfel an seinem Geäst, an ihm, ruhte tief aus, stieß sich dann unvermutet ab und ver¬schwand durch die Türe im Haus, nur noch einen Schatten zurücklas-send.
Andreas legte schmerzlich eine Hand auf die Stelle, an der sie ihn am Hals berührt hatte und die wie Feuer brannte. Doris! Was würde Doris sagen? Name ohne Bedeutung, fern von hier und inhaltslos. Doris! Wer war Dor...?
Mit einer wütenden Körperdrehung schleuderte er dieses seltsam ge¬sichtslose Wesen zurück in die Nacht und machte sich an den Holz¬zäunen, die jedes Haus wie mit bleckenden Zähnen umgaben, vorbei, auf den Weg zu seinem vereinsamten Zuhause.

2
In den folgenden Monaten trafen sie sich oft und an verschiedenen Plätzen. Jedoch nie in seiner Wohnung. Esther wollte nicht und als Andreas es begriffen hatte, drängte er auch nicht mehr darauf. Häu¬fig saßen sie im Park unter den altgekrümmten Stämmen, gingen abends Tanzen in kleinen, versteckt gelegenen Lokalen oder bummel¬ten durch die Schaufenstergespickten Ladenstraßen der Stadt.
Am liebsten schien es ihr, mit ihm Hand in Hand den Fluß entlang zu schlendern. Weizenblond. Wie meine Schwester. Kindheitsver¬liebt, Erinnerung längst vergessener Schönheit, immer wieder zer¬stört durch ein asketisch-knochiges Gesicht, Totenmaske Tut-anch¬ammuns, golden, wertvoll, kalt und tot. Wer kennt die Geheimnisse dieser Masken?
Der gekrümmte Fluß spülte die Blätter mit, die er ihr entgegen, an ihr vorbei ins Wasser blies, lachender Braunstrahl ihrer Augen, der ihn durchbohrte. Ein altes Fenster! dachte er, blinde Scheiben vor Wut, angstvolles Kind vor der großen, grausamen Mutter. Hunde-existenz, unfreiwillig - willkommene Rachemöglichkeit. Stellver¬treter für den anderen, den Unbekannten, den sie haßerfüllt „Va¬ter“ nannte, schlangengleich ins Namenlose entschwunden - und: er, Mann von Geburt an, unglücklicher Zufall zweier Chromosomen, un-schuldig mit dem Makel des Vaters geboren. Keine Zärtlichkeit der Mutter, nur: Esther. Tröstend, zärtlich, unbewußt ihrer Macht, überlegen und doch freundlich.
Oft auch schliefen sie zusammen in ihrer Wohnung. Doris schien nur noch eine ferne Erinnerung, eine Fremde, trug er ihren Ring am Finger? Nein, zu Hause lag er, abgestreift, wie eine lästige Haut, goldglitzernd und lächerlich. Sie liebten sich stürmisch, bogen sich wie ein Kornfeld im lauen Wind eines Sommerabends. Gierig um-
klammerte Hüften, langersehnter Genuß noch der letzten Zärtlich¬keit. Seine Hände, Lippen auf ihrer Brust, lustvolles Steigern und lustvoller Verlust des Zimmers, der Menschen, der Straßen, und:
der Welt.
Habe ich je einen anderen...? schoß es Esther durch den Kopf. Kei¬ne Angst mehr vor Männergeruch, keine Furcht mehr vor den stop¬pelnden Gesichtern, nur Freude, Wohlfühlen wie: Bruder. Innig ge¬liebter Bruder, Gefährte durch den Wald zu ihrer heimlich gebauten Hütte, auf deren schmalen Dach die ganze hundertjährige Schwere der Bäume ruhte, enges Zusammenkuscheln, wenn der Regen durch die undichten Wände schlug,  feurige Tropfen auf der ungeschützten Haut.
Lachende Jagd über die frischgemähten Felder, gemeinsames Suchen mit bloßen Händen in den Maulwurfshügeln, die wie Warzen die Erde durchstießen: Bruder! Und dann: Nahes Beisammensein, satt-zufrie¬dene Albernheit, spielende Kinder.
Die Neonreklamen mit ihrem springenden Farbspiel dämmerten durch den milchigen Vorhang wie gefallener Schnee. Mit der Zeit trafen sie sich Tag für Tag. Andreas saß dann müde im Büro: Für was? Für wen? Wir bitten um..., Mit freundlichen Grüßen..., Verbitten wir uns..., Unsinnigkeit, Schachern um Reichtum, Verlierer letztlich alle.
Fader Schreibtisch. Fade Möbel. Hier habe ich mich wohlgefühlt? Irrwege sind menschlich. So öde. Lächeln der Sekretärin, Pflicht. Hohnlachender Terminkalender, unheilige Allianz mit dem Aschenbe¬cher. Wieviel Uhr? - Erst. Esther!
Und dann: Fortstürzen. Aber der Termin...? Später. Bin krank, fühl' mich schlecht. Bedaure - und weg, weg aus der Wüstenei, fal¬lenlassen, sich fallenlassen in das Leben, unergründlich tief.

Erzähle mir etwas von deinem Freund!
Muß das sein? Leise Wehmut in ihren Augen, gedrängt. Und doch:
Er war nicht eigentlich schlecht. Nur furchtbar männlich. Er dachte wie in seinem Beruf: null und eins, oder: IF - THEN. Compu¬termensch war er. Du bist Geschäftsmann - wann seid ihr Männer ei¬gentlich Menschen, schrankenlos? Wir lebten getrennt. Er in einer großen Stadt, Sitz seiner Firma - ich hier. Freitags stand ich auf dem Bahnhof, rasselnd kam der Zug, und er. Mein Herz sprang wild in mir, ich sehnte mich nach seiner Nähe, lang, lang ist's her, dunkelhäutige, vergangene Zeit.
Und dann?
Dann stritten wir uns. Er liebte mich eifersüchtig. Ich war nicht mehr Esther für ihn, ich war seine Freundin, seine Frau. Er straf¬te mich, wenn ich die ganze Woche, alleine und einsam, mich nach Menschen sehnte und suchte und fand. Nicht lachen, nicht weinen - ohne ihn. Wie eine Statue, papieren, wächsern, lebte ich, bis er kam. Freitags. Und Sonntags wieder ging. Zu seinen Computern, zu seiner Arbeit. Und ich? Ich sollte warten auf ihn, immer wartete ich auf das, was ich liebte.
Montags gähnte mich der Tag höllisch an. Keine Arbeit. Wozu stu¬diert? Wozu Examen bestanden, Führerschein gemacht, Luft geatmet?
- Nur für Freitag.
Kein Tier, kein Mensch in meiner Wohnung. Wo war meine Katze, die ich liebte? Vergraben, tot, längst vermodert in einer Erde, die ich haßte, in einem Garten, den ich haßte. Kindheitstaumel, längst verflossen, realitätszerstört.
Mein Bruder - verloren, weggeweht in die Hände fremder Menschen. Das Schweigen der Mutter legte sich zwischen mich und ihn. Verwun¬det stellte ich mich der Welt, doch alles, was mir wichtig schien, fand meine Verletzung, traf mich, erdrosselte mich.
Andreas blickte immer auf ihren Mund, wenn sie so sprach. Esther! Weizenblonde Esther! Freundin, Geliebte und Schwester.
Leise legte er seinen Kopf in ihren Schoß, lang gesehnte Wärme! Nichts  zählte:  Keine Sekretärin,  kein Wunsch des  zukünftigen Schwiegervaters, nur: weizen.
Und dann?
Sie lächelte und beugte sich leicht über ihn. Flucht aus dem Haus der Mutter, in eine fremde Stadt. Neu und doch widerwärtig: lange Häuserschluchten, der fremde Hafen, die wenigen Freunde. Aber: Nur weg von der Mutter.
Und dann: Studium an der Uni. In einer anderen, neuen Stadt, die sich anbot, kleine Bekanntschaften mit dem Krämer um die Ecke, der Hauswirtin. Ewig gesuchtes Zuhause: die Stadt bot es, war gütig, sie liebte sie. Die kleinen Gassen, die Freundinnen aus dem Seme¬ster, die freudig sie auf der Straße begrüßen, Wie geht es dir?, Was machst du?, der See, der erst von hier seinen eigentlichen An¬fang nimmt. Im Herbst: Sammeln von bunten Blättern, die der über¬mütige Wind von den Bäumen reißt.
Andreas schlug die Augen auf, blickte sie lange an. Langsam beugte sie sich tiefer, ihre Lippen berührten seinen Mund, Genuß der Zärtlichkeit. Was braucht der Mensch? Wasser für die Verdursten¬den, kurze Augenblicke der Vertrautheit.

Manchmal besuchten sie gemeinsam das Theater oder ein Konzert. Esther liebte diese ins Dunkel getauchten Säle, niemand war dann mehr zu erkennen. Auf der Bühne wurde gelebt, geliebt, musiziert
- eine andere Welt, fern von der eigentlichen. Eine kindliche Welt.
Glaube nicht den Büchern! sagte Andreas oft zu ihr. Ein Schrift¬steller schreibt, um Geld zu verdienen und um sich selbst loszu¬werden.
Wieder:  Kein  Befreiungsversuch  erfolgreich.  Kein  Graf  Monte Christo, denn: Zu kurz unser Leben, zu lang der unterirdische Gang, zu hart das Gestein; alleine, eingekerkert, jeder von uns. Nur manchmal, ganz selten: zaghafter Gruß von Verließ zu Verließ, unerlebt der andere, schimärenhafte Vorstellung eines anderen Ge¬fängnisses: so könnte es sein. Liebe immer nur Selbstzweck (letzt¬lich), immer nur der rabiate Versuch der Befreiung. Versuch, der, Versuch bleibt, bleiben muß.
Eine Weltordnung steht auf dem Spiel.
Aber: Das Wissen ist da. Die Ahnung wühlt: Urteil auf lebensläng¬liche Hast und Suche. Das Wissen: Draußen, da blühen die Bäume,
a·_ _wirklich, unbekümmert, in mir nur das vergewaltigte Abbild, das Zerrbild, die Fälschung.
Lies mir ein Gedicht vor! bat Esther. Zögernder Griff zu dem schma¬len Bändchen. Und dann seine Stimme, hohl aus dem Verließ:

Deine hand an meinem arm
warmfleckiger ausschlag eines trunksüchtigen
- heute.

Dein blindes gesicht, fehlfarben vor meinen augen überhastete flucht ins sichere innere
- gestern

Mein kopf an deiner brust trinkendes kind
lüstern milch saugend.

Nächtiges dämmern
Zerfall an den wänden kalkweiß.

Gegen mich atmet ein mensch
kunstlos einsam wie ich.

Tausend ameisen
zertreten das gesicht
kahlköpfig starr der henker.

Flatterndes wildschwarzes haar der zigeunerin! deutet mir die zukunft und zerlege:
mich
schamlos offen in der milchigen kugel.

Zerstörte priesterriten heiliger bünde grellbunt an das licht gezerrt -

Wer trägt das netz, das mich umfängt?

Traurigkeit, die aus dem Buche kriecht, Worte zerbrechen nur, aber: Versuch gescheitert, Unternehmen mißglückt, der Wärter lacht.

Zwei Wochen später legte Esther ihm ihre Hand auf die Schulter. Traurig, gefolgsam. Brief von der Mutter, Befehl, der neue Freund solle sie besuchen. Sitte sei Sitte, und Brauch sei Brauch. Andre¬as spürte Ärger.
Warum? Was soll das? Mich vorstellen - oder was?
Seine eigene Mutter hätte nie... oder doch? Welche Mutter? Die verhaßte, oder die scheinbare.
 O Bitte. Ich schreib ihr einen Brief.
Brief mit unausgesprochenem Glück. Zwischen den Zeilen, unzwei¬felhaft. Und dann: Totenmaske.
Gut, ich fahre hin. Pflichtbesuch.
Wo wohnt sie? Unbekannte Adresse, weit außerhalb der Stadt. Auch hier Zwang? Kein ungestümes Drängen durch den Wald?
Gut, ich fahre. Übermorgen. Dir ist es wichtig. Uns folglich auch.
Trotzdem: Verbitterung. Auch sie? Auch sie immer noch durch das geheimnisvolle Band, verführerisch stark, an die Eltern gebunden, gekettet wie alle anderen? Finde ich nur meine eigene Wehrlosig¬keit? Nie tun, was ich tun muß? Beugen bis das Rückgrat bricht. Mensch sein, heißt: Unterwerfen.

3
Andreas stellte den Wagen ab, stieg aus und ließ die Tür mit einem sanften Knall ins Schloß fallen. Er blickte sich um, spürte den feinen Kies unter den Schuhen knirschen, Treibsand, der ihn zu be¬hindern suchte, blickte über den kleinen Garten auf das alte Haus mit seiner schmutzig-grauen Fassade, dessen alte, schlecht ge¬strichenen Holzfenster einen verfallenen Eindruck hinterließen. Eine schreiende Hexe tanzte vor den Fenstern ihren namenlosen Tanz, ihr höhnisches Lachen gellte unheimlich fern, lebkuchenhaft¬weihnachtlich, und ein tiefes Feuer warf zitternde Schatten über Andreas' Gesicht.
Er schüttelte ungläubig den Kopf und blickte noch einmal hin. Ru¬hig und schwer - trotz aller Verfallenheit - lag das Haus auf der Erde, nur der Himmel hinter ihm hatte sich mit tiefschwarzen Wol¬ken überzogen. Es wird regnen! dachte Andreas und begann, zur Tür zu gehen, an der der grellglänzende Messingknopf der Klingel, so, als müsse er den Besucher besonders stark umwerben, ihm entgegen-strahlte. Andreas drückte darauf und nahm die bewußt lässige Hal¬tung an, die er - gewohnt im Umgang mit fremden Menschen - als vorteilhaft erkannt hatte, und die jeden sofort erahnen ließ, welch sicherer, entscheidungsfreudiger Mensch er zu sein schien.
Die Tür öffnete sich einen Spalt weit und das mißtrauische Auge einer alten Frau spähte hervor. Knarrend fuhr die Tür dann ganz auf und Andreas, der Mühe gehabt hatte, die grauschwarz gekleidete Frau in dem tiefen Dunkel, das im Inneren des Hauses scheinbar der unumschränkte Herrscher war, zu erkennen, der auch gerade tief Luft geholt hatte, um, einerseits, den Druck, der durch die gei¬sterhafte Frau wieder in ihm panikartig aufstieg, zu lindern, und um,  andererseits, mit geschliffenen formulierten Worten dieser alten, sicher auch schon etwas tattrigen, begriffsstutzigen Frau, zu erklären, wer er war, erstarrte erschrocken. Die Alte warf einen langen, mitleidigen Blick auf ihn und trat in den Türrahmen, füllte ihn trotz ihrer vertrockneten, dürren Statur bis zum Er¬sticken aus, so als verwehre sie ihm Eintritt und -blick.
Mutter! stöhnte Andreas - sauertpfisch-buttermilchige Erziehungs¬erinnerung, vermischt mit dem Geruch langsam platzender Sch~or¬äpfel, die träge auf dem Herd liegen; die Fenster, eisblumenge¬
schmückt, mit schneeflauschigem Atem. über allem das strenge Ge¬sicht der Mutter, seiner richtigen, wahren Mutter, die Haß und Liebe, Strafe und Lob bestimmte, ungleich - immerzu seine Las¬ten - verteilte. Der eiserne Wille, ihn zu treffen; ihn, den Stellvertreter, zu zerstören; weinender Junge auf dem Sofa, mit harten Worten verhöhnt, keine Liebe zum Erkämpfen.
Mutter! verzweifelte Andreas noch einmal und wischte sich fahrig den Schweiß aus dem Gesicht, wachsbleiches Schweigen.
Komm~ rein! forderte sie mit ihrer ewig dünnen Stimme und wich zö¬gernd zurück.
Wie du siehst, bin ich umgezogen. Schon lange.
Sie ließ ihn eintreten in das muffige Dunkel, das ihn einhüllte mit warmer Vertrautheit und beklemmendem Ekel, das Opfer hatte seine Folterkammer gefunden, unwiderstehlich angezogen von dem, was Mutter hieß. Mutter aus Fehlerhaftigkeit, Unachtsamkeit, blin¬dem Vertrauen. Stigma der verlassenen Schwangeren. Verhöhnt, gede¬mütigt von den eigenen Eltern, den Freunden. Nirgendwo Zuneigung, Mit Mühe und Verachtung miternährt von den anderen.
Auch: Mannzerstörtes Wesen, Einzug des Raubritters, der erobert, was er braucht und wegwirft, was er genossen. Aber: wenigstens ehrlicher als die vielen anderen, die schuldig den Ring an ihrer Hand tragen;  insgeheime Sehnsucht nach außen, nur widerwillig Geliebte ihrer Besiegten. Sitte, Anstand fing sie, geduckt zu Boden geworfene, gefangene Tiere.
Die Frau humpelte knöchern zum Fenster und blieb dicht davor ste¬hen. Sie hielt ihm den Rücken zugewandt, schmal, zerbrechlich, und doch unendlich viel stärker als er. Andreas fühlte sich schlecht und lockerte den Kragen.
Also...! sagte er mit belegter Stimme - sommerweizenblond in Heu verfangenes Gesicht, lachende Krähe auf dem Apfelbaum - ich soll dir von Esther...
Ein Glucksen. Unruhig, gefährlich, stärker werdend und schlie߬lich: Hohles Lachen aus dem morschen Holz, grausame Rache;
Prüfung nicht bestanden, das Leben nicht bestanden. Esther! schrie die Mutter und stierte ihn an.
Du wagst es, den Namen meiner Tochter in den Mund zu nehmen? Du, ihr Bruder und Geliebter?
Andreas drückte das Rückrat gegen den Türrahmen, angstvolles Kind, entsetzt von der Nachgeburt, die es erstickt.
Jawohl, meine Geliebte!
Tochter des Hades, nie hatte er es gesagt. Uberwinden der Angst, Lösung von Vater und Mutter. Mein Wille geschehe. Nicht dein un¬bändiger Haß. Amen. Endlich erwachsen und alleine sein. Der Wald, der Fluß, die durchtollten Wiesen: mein Leben, meine Zukunft, aber: ihr Tod. Kein Kind mehr sein, gegen Vater und Mutter. Gegen¬wart und Kommendes sein. Ihre Erwartung: der Tod. Die grausige Er¬füllung: das Nichts. Die gesteigerte Angst: das Altern. Der ver¬zweifelte Wille, das Nachfolgende mit sich anzufüllen, Häuser zu bauen, Erbschaften zu gründen. Nur nicht sterben! Nur nicht unter¬gehen! Angstvoll geklammertes Leben, bleibe bei mir! Haß auf die eigenen Kinder. Erleben am eigenen Köper, wie fremder Wille, wie
Ѷ_ _fremder Geist die Welt gestaltet. Nicht ich gestalte, bestimme.
Die Erziehung war schlecht: Zuviel Eigenes, zuviel Unangelerntes, trotzen die Kinder dem Bestehendem ab.
Du trennst dich von ihr. Sofort.
Letztes Aufbäumen der Vergangenheit. Stark, mächtig. Ohne Verlok¬kung. Unheilsamer Trotz gegen das Scheitern. Machtkamp~ mit si¬cherem Sieger, weil er Verbündete hat, in dir.
Andreas wandte sich wortlos um und stürmte zur Tür hinaus, in sei¬nen Wagen, startete und jagte davon.

4
Andreas schaute sie an. Sie saßen an der Mole. Der weite See glit¬zerte gegen den Horizont. Der Wind blies feuchte Luft zwischen ihre Körper. Die alte Wasserhexe flutete ans Ufer, drohend erho¬bene Faust. Ewig überlegene Frau, unterdrückt, halb befreit, rä¬chend ihre Schmach. Das schräge Licht der Sonne, das tausendfach gebrochen von der Wasserfläche auf ihr Gesicht (ahnungsloses, ge¬liebtes Gesicht!)  geworfen wurde... sommerweizensonnig, blondes Lachen, noch kein Trennungsschmerz, noch: zerstaubtwindiges Haar wie umspült _
Esther, sagte er, lockender Ruf, aber: zitternde Stimme,ich...
Ja? fragten ihre Augen und der Kopf wandte sich ihm zu, sank gegen ihn, Rückgrat am Türrahmen, Stirn an der Mauer, sauermilchbuttrig, hölzerner Steg.
Ich... wir, wir müssen uns trennen. Gepreßter Stoß aus einem kran¬ken Körper: Endlich war es heraus, endlich galt wieder das Mi߬trauen, endlich standen wieder die Mauern, endlich war er wieder einsam.
Andreas spürte das eisige Erschrecken, spürte die fahle Blässe ei¬nes zerstörten Gesichts und schaute nicht hin.
Wehmut? Scham?
Warum! Was sagst du? Wieso!! brach es ihm entgegen, Segelschiffe, fern am Himmel, getrieben vom unhörbaren Schrei unser aller, Wind der Lungen, meinen Atem gebe ich euch und mit ihm die Verzweif¬lung, keinen Ausweg aus sich selbst.
Andreas nahm seinen Mut zusammen, blickte schräg in ihre lodernden
Augen: Wut, Enttäuschung, Untergang standen darin, und: namenver¬schrecktes Unverständnis, unerklärlich. So einfach tötet unsere Zunge.
Ich muß mich trennen! flüsterte Andreas, seltsam-makabre Beschwö¬rung des Wahns, Angst vor Tränen, ehrlicher als Lachen, Reden zer¬stört, Handeln zerstört, Leben nur auf Kosten eines anderen? Lie¬ber schweigen, nicht leben, nicht handeln.
Esther zog die Beine an, schlang die Arme darum. Ihre Schultern schüttelten sich vor unterdrücktem Weinen, gefaßtes Sthnen über die Mole in das unberührt anbrandende Wasser hinein, nichts hemmt die Drehung der Erde.
Andreas war erleichtert. Zwar spürte er ihr wildes Auflehnen, aber er wußte: Auch ihr war der Duft langsam verkohlender Schale, die ihre ganze frühlingshafte Jungfräulichkeit für sie aufbewahrt hat¬te, über die Nase tief ins Herz gedrungen, fester eingebrannt als
}·_ _die Schale auf dem Herd. Das alte, knöcherne Gesicht, wer hat Angst vor dem Totenmann?, stand zwischen ihnen, gottgleicher Ja¬nuskopf mit Blick auf alle seine Opfer.
Esther zog die Nase hoch, blickte ihm tränenverschmiert ins Ge¬sicht und sagte kalt:
Du Schwein!
Urgewaltig ausbrechende Wut, Erkenntnis: Auch er. Zielloser Haß gegen die vergessene, sorgsam versteckte Ursache. Kein Ausweg, keine Freiheit, unser Gefängnis liegt in uns, kennt keinen Aus¬gang, gefangene Wärter, bewachende Gefangene, überall auf diesem Planeten; gefesselt mit den eigenen, fremden Händen.
Esther sprang auf und rannte davon, noch bevor Andreas irgendwas unternehmen konnte. Die See sprang an der Mole hoch, ihn an, breitgebissiges Ungeheuer, wasserglitzernd.  Zu lang die Haft, schuldig der Täter.

5
Mit Unbehagen betrat Andreas das Haus seiner Verlobten. Woher wis¬sen die das? Wer hat uns gesehen? Verrat?
Fettzufriedenes Wohlstandsgesicht des Schwiegervaters, bis zur Un¬erträglichkeit zum Fragezeichen verunstaltet, schwebte in seinem ,,Herrenzimmer", mächtig, gutsituiert. Krach, böse Worte - nein, die wird es wohl nicht geben. Sachlich! Geschäft bleibt Geschäft, there is no business like showbusiness. Kühl wird beraten werden -wozu ist man Akademiker? Kann analysieren,  Ursachen forschen, lo¬gisch folgern. Unsere Gefangenheit ist theoretisch gut fundiert.
Düsterer Eingangsraum, der ihn ansaugte, Schwere, Starrheit, ge¬ordnet bis zum Stillstand. Geordnetes Menschendasein, nicht origi¬nell, nur normal, protziger vielleicht wie im Eigenheim kurz vor der Stadt, im Wohnblock an der Ausfallstraße, aber sonst: tausend¬fache Wiederholung, eine Zelle wie die andere.
Effenbeck erwartete ihn, stand auf, kam ein paar Schritte auf ihn zu.
Bitte, nimm doch Platz! Ladende Handbewegeung, wendige Körperdreh¬ung, keine Begrüßung. Weiches Leder, bot sich dem Rücken wie eine Nutte an, schmiegsam, willig, bereit.
Du hast eine Freundin? hingeworfen wie Dreck, geradezu, Männerge-spräch, Verachtung selbst hier, sommerweizenblond, wehend wie Se¬gel auf dem Meer. Andreas nickte,  sein Schwiegervater sah es nicht, hing mit dem Gesicht an der Scheibe, feister Rücken, ihm zugewandt, Fenster versperrt.
Er erwartete wohl keine Antwort und drehte sich langsam um. Tan¬zender Bär, schwerfällig, mächtig, angekettet.
Doris ist sehr enttäuscht.
Kaum zu glauben, daß das stimmte, so wie er es sagte.
Ihr Aufenthalt in San Tropez wird sich verlängern. Wir erwarten, daß du die Angelegenheit bereinigst.
Polterabend der Hoffnungen, wir erwarten, sie, er, alle erwarten -immer von dir. Schweigen kroch aus den Büchern, die hochgetürmt bis zur Decke dem Raum eine zweite Mauer waren; Descartes sprang wie eine Ziege meckernd über den Schreibtisch; Nietsche stolper¬
te - Hegel hielt ihn am Arm - als Zarathustra narrenhaft verklei¬det über den echten Perserteppich; Schiller schrie seinen Räuber-hauptmann vom Tisch herunter -- wir erwarten.
Warum?
Schwache Gegenwehr, letzter Versuch, zu halten, was längst verlo¬ren ist, knöcherne Mutter, stärker als die Masse Fett - sie erwar¬tet.
Meine Schwester? Ich liebe sie!
Effenbeck erstarrte. Mit seiner ganzen Masse warf er sich auf den Schreibtisch, das alte Holz krachte entsetzt, wieder und wieder geschändet.
Deine Schwester?
Schrei eines Verstörten, Unverständnis eines christlichen Jahrhun¬derts, anerzogene Vernunft, endlich ins Wanken gebracht. Zu spät? In Andreas erwachte Widerstand. Neuer Mut zum Nein, urplötzlich wieder erwacht, ungebändigt durch kein Hindernis.Endlich begrif¬fenes Recht, aber: Das Unglück war geschehen. Zukunft ändert keine Vergangenheit. Nur: Versuch, Versuch, letzter Versuch. Gegen Ef¬fenbeck,  Doris.  Endlich gegen den Auftrag,  die Aufgabe,  die Pflicht und: gegen Mutter. Kein Kind mehr sein, nicht Träger eines fremden Willens, kein Nachfolger. Noch glimmt das Feuer.
Ja, ich liebe meine Schwester!
Die Bücher stürzen auf den Boden, tausend Augen, das Gesicht He¬gels, Effenbecks und - immer wieder: Mutter, Mutter.
Du trennst dich sofort von ihr! Niemals wirst du sie wiedersehen! Denk~ an unseren Ruf,  an die Firma!!  Ich fordere mein Recht! Schwein.
Schweiß sickert, Fett, das Wasser ausscheidet, gepreßter Schwamm. Inzest!
rief Effenbeck, die Hände theatralisch zur Bücherwand erhoben, Be¬schwörung der versammelten Geister, schwarze Messe mit der Ver¬gangenheit, Anrufung.
Du bist nicht die Knochenfrau! Nicht das hager beherrschte Ge¬sicht, sommerblond, weizig, heuduftend. Wider-, Widerstand.
Nie werde ich mich von ihr trennen!
Trotziges Kind, das sein Spielzeug zerbricht, den Fuß auf den Bo¬den stampft, endlich Andreas, unumerzogen, verdrängen der Band¬wurmexistenz, die knöcherne, holzapfelduftende - Mutter! - ...wei¬zen... schon verloren, .. blond... schon Verlierer, •.. sonnig --Andreas war aufgesprungen, stand dicht vor Effenbeck, in dessen Augen Entsetzen, Wut, sinnlose Freudenfeste hielt. Ahnung längst vergessenen Wissens? Aber: Der Wärter ist auf der Hut. Du bist chancenlos.
Dann werf~ich dich hinaus!
greifend tollwütiger Stier;
Dann wird die Verlobung gelöst!
speichelspuckender, l~cherlicher Kettenhund mit abgefeiltem Gebiß. Ich denke nicht daran!
Blinde Gegenwut, trotziger, ehrlicher Andreas - blendend - som¬mer -
Ich werde nie...
Verzweifelter Sprung zurück; wie, Unheil - dein Name? Andreas wandte sich abrupt ab und stürzte durch die Tür, die Halle und in den Wagen.
Flucht! rief das Auto, ich flüchte! und glotzte mit scheinwerfer¬hafter Grellheit durch die Nacht, über die einsamen Straßen.
Zur Mutter, zur Mutter. Sie mußte es überwinden, hier lag der Schlüssel zu dem eigenen Gefängnis, hinauf die Straße, erster, zweiter, dritter Gang, durch die Kurve, noch keine Rücksicht auf dich.
Plötzlich drangen auf der Gegenfahrbahn die gleich lüstern glit¬zernden Augen eines Scheinwerfers auf ihn zu. Mutter! Verfluchte Mutter! schrie Andreas, riß das Steuer nach rechts, weg von dem schmatzenden Tier, knöchern-fett, tränenlachend: Knapp verfehlt! Dicht vorbei der andere und gegen den Baum geprallt, - sommer...
überschlagen, vermatschtes Metall, gebrochenes Rückgrat, Absturz eines Molochs, - .. weizen - brennend, rollend, sinnlos selbstzer¬störend.
Andreas stoppte, stieg aus und näherte sich der Unfallstelle zö¬gernd. Hitze brannte ihm entgegen, sengende - sommerweizen...
Hitze, es roch nach brennendem Heu, - windigheuend - nach ver¬schmorter Haut, schmelzendem Haar - sommerblondweizen -
...Esther!!
Schrei, nie gehörter Schmerzensschrei gequälter Bäume, zersägt, entschält, verbaut zu Stühlen, Tischen...
Ess-theeer!
Und: Losstürzen, gegen die Hitzemauer, eindringen, sommer, zurück-federn, wieder, weizen, Heu, Mauer in mir, Fluß im Winter, Esther, Sommer, blond.
Andreas fiel auf die Knie, in den matschigen Dreck, spürte die Kälte, die eindrang, willenlos ihn aussaugte, und weinte, Tränen der Mutter. Lauernde Nacht im Rücken, süß wie Schlagsahne, ver¬lockend, zärtlich giftig, verbrannte Kindheit.
Die Starrheit stieg mit jedem Herzschlag höher in ihm. Gejagtes und endlich erlegtes Tier, Gnadengott, feindlicher, perverser Gna¬dengott,  ergötzt du dich an deiner Weltinszenierung?  Elender Schmierentheaterregisseur! Nützen dir tausend Ave Maria? Ablaß-händler, elender Krämer. Stimmt deine Buchführung? Hoffnungslos. Dann erhob sich Andreas mühsam, kaltnaße Flecke an den Knien, Brandmale, Kainszeichen. Müde und wie angestoßen, vorwärtsgetrie¬ben durch die sanft rauchende, zärtlich rufende Ruine, die fest, starr, unbeweglich mit dem Boden verwachsen war, erreichte er sei¬nen Wagen und stieg ein. Ruhig startete er. Wohin? Suchen - wen? Wo? Mutter. Ich denke - du wirst sein? Du dachtest - ich war? Mutter.
Sanft rollender Wagen, gedrängt in den Tag, dessen düsterne Helle wie Nebel aus dem Boden kroch. Die Bäume am Straßenrand winkten mit den Xsten Abschied und fielen hinter ihm, blitzartig gefällt, auf die Fahrbahn. Steingewordener, durchsichtiger Altar; Priester, Opfer und Gott: alles ich selbst, Esther brannte, verbrannte, ge¬mahlener Weizen, sonnig-versengt.
Vor ihm tauchte das Haus auf. Die verschlossenen Holzläden drück-
ten die Luft aus seinen Lungen; der Motor erstarb. Klingelknopf, matt sich wegstehlend. Tack, tack. Klopfen des morschen Stocks und
- Gesicht, lang, ewig gehaßtes. Triumph, Skelett, thriumphieren¬des alles gewußt, gewollt, gefordert. Zurückweichend - Mutter! -rückwärtsgehend, und:
Schlag, Schlag mit der bloßen Hand, Schrei des Jägers,. der zum Opfer wird, schutzlos erhqbener Stock, Schlag an Hals, Gesicht, Genick. Blut, eigenes, fremdes Blut, aus dem zahnlosen Mund, der zerbrochenen Nase, nie mehr verächtlich gekrümmt - Xpfel auf dem Herd - panikverzerrtes Gesicht, zu schwach die Mauern - tropfender Saft, zischend in die Flamme - Sturz gegen den Türrahmen, brechen¬der Blick; das Wissen: versagt, unterlegen, Mutter sein, kein Schutz mehr, Fall - platzende Schale - auf den Bretterboden. Stille.
Andreas schlug die Hände vor das Gesicht. Mutter, tot auf der Schwelle, starre Augen, getrübt gegen die Wand. Langsam stieg Andreas über sie hinweg, zögerte noch einen Moment und stürzte dann in das Zimmer. Das Feuer glimmte anbiedernd im Herd, warf seinen verlockenden Schein gegen ihn. Er riß die Vorhänge, in de¬nen der Geruch seines Angstschweißes sich über Jahrzehnte erhalten hatte, von den Fenstern, entzündete sie an der herdenen Glut, blies sie zu flammenden, lebenden Helfern an und schleuderte sie in den Raum. Wie spielerische Schneeflocken schwebten sie, sanken funkensprühend gegen verwandte Gegenstände, übertrugen die rote Glut. Ringsum sprangen die Flammen hoch, erhoben sich über ihn, entwuchsen ihm, dem Schöpfer. Der verhaßte Tisch, die Stühle ver-loren ihre Konturen, verrauchten wie sein Leben.
Andreas hob die Arme und lehnte sich gege~ die Wand. Tiefe Müdig¬keit brach in ihm ein, interesselos betrachtete er das spielende Feuer, genußvolle Zufriedenheit nistete tief, ganz tief, in ihm, platzte, riß seine Haut? Wertlos, verlassen brannte das Hexenhaus, die tränengetränkten Fensterscheiben zerbrachen klirrend vor Freu¬de, fielen ihm vor die Füße, und er, taumelte ein paar Schritte nach vorn, stürzte zu Boden, auf das Gesicht, während das Feuer aufheulte und sich über ihn warf, Fackel, Trauerfeuer für sich, endlich erlöst, frei, freiwillig gerichtet, die Ketten zerrissen, die Mauern geschliffen, frei im Nichts.
Frei, endlich frei.



November 1981 - M.Trapp


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